Kultur : Elan fatal

Deutsch-russisches Kulturjahr: In Frankfurt am Main wird die Propagandakunst der Stalin-Zeit vorgeführt

Bernhard Schulz

Fröhliche Kolchosbäuerinnen strahlen angesichts der üppig ausgefallenen Ernte. Das großformatige Gemälde von Tatjana Jablonskaja ist durchglüht von den Farben des Sommers. Sein Titel lautet schlicht und programmatisch „Brot“. Die Künstlerin erhielt für dieses Werk 1949 den Stalinpreis, die mit begehrten Privilegien verbundene, höchste künstlerische Auszeichnung des Regimes. Das Bild, so hieß es in der Begründung, lege „eindringlich Zeugnis ab für den Überfluss, den das sowjetische Kolchossystem hervorgebracht hat“.

Zu sehen ist das „Brot“-Gemälde in der soeben eröffneten Ausstellung „Traumfabrik Kommunismus. Die visuelle Kultur der Stalinzeit“, mit der die Schirn Kunsthalle Frankfurt den Auftakt zum Begleitprogramm der diesjährigen Buchmesse mit dem Gastland Russland markiert. Kurator Boris Groys, seit Sowjetzeiten emigrierter Philosoph mit Lehrstuhl in Karlsruhe, veranschaulicht seine These vom „Gesamtkunstwerk Stalin“ mit reichem Bildmaterial aus den führenden Museen von Moskau und St.Petersburg.

Die Kultur der Stalin-Zeit, so Groys, sei gekennzeichnet gewesen durch die nahtlose Übereinstimmung von politischem und ästhetischem Auftrag – und durch das vollständige Fehlen eines Marktes, also eines kommerziellen Antriebs wie in der Massenkultur des Westens. Insofern funktionierte diese Kultur als Instrument einer Erziehungsdiktatur: Sie sollte nicht zeigen, was ist, sondern wie es werden sollte, und diesen Vorschein für Realität ausgeben. Sie sollte mitwirken, den neuen Menschen zu züchten – was wiederum ein alter Traum der Avantgarde war, die von Stalin zum Verstummen gebracht wurde.

Angelegt waren die offiziösen Kunstwerke nicht als Museumsstücke, sondern für die Verbreitung durch millionenfache Reproduktion: „Oft“, sagt Groys in Frankfurt, „waren sie den Menschen besser vertraut als die eigene Familie.“ Und mögen die Abbildungen auch aus den Schulbüchern verschwunden sein, so nehmen sie doch nach wie vor prominente Plätze in den Museen ein.

Freilich nicht alle. Die für niemanden überschaubaren Winkelzüge Stalins, des absolutesten Herrschers im diktatorenreichen 20. Jahrhundert, ließen eben noch hoch gepriesene Funktionäre urplötzlich der Verdammung anheimfallen – umso schlimmer für Kunstwerke, die sie darstellten. Die Gemälde (oder entsprechend auch Filme) wurden in Geheimdepots verbannt, aus denen sie erst nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder auftauchten. So verbucht die Schirn Kunsthalle als Erfolg, Pawel Malkows Gruppenbildnis mit dem bezeichnend exakten Titel „Das Politbüro des ZK der Bolschewistischen Partei auf dem 8. Außerordentlichen Kongress der Sowjets 1938“ zeigen zu können. Mitten unter den Parteiführern befindet sich der damalige Geheimdienstchef Jeschow, der den „Großen Terror“ der Jahre 1936-38 organisierte – und danach selbst auf Geheiß des Diktators „liquidiert“ wurde.

Aber von derlei erfährt der Besucher nur, wenn er den kleingedruckten Kurzführer zu Rate zieht; selbst der dickleibige Katalog schweigt sich zu den historischen Details aus. So können die Gemälde in den Räumen der Schirn ihre visuelle Gewalt ungefiltert entfalten. Gegliedert ist die Ausstellung nach den Themenkreisen, die das Gros der Stalin-Kunst bestimmten. An der Spitze stand die Verherrlichung der Führer, zum einen des längst verstorbenen Lenin als Begründer der bolschewistischen Macht, zum anderen seines selbst ernannten Erben, des „Großen Führers“, der Stalin zwischen 1929 und seinem Tod im März 1953 in unumschränkter Machtfülle war. Dazu kamen die Planeten seines Sonnensystems, voran VerteidigungsKommissar Woroschilow und – stets im bürgerlichen Habitus gekleidet – Außenminister Molotow. Dann gibt es heroische Momente ohne Zahl, vom „Besuch des Helden der Sowjetunion Kapitän Judin bei den Panzerrekruten“ bis zu jener „Unvergesslichen Begegnung“, die den Stalin-Kult wohl am einschmeichelndsten vorführt: Wassilij Jefanow stellt den „Führer der Völker“ 1937, auf dem Höhepunkt der Terrorwelle, als väterlichen Genossen vor, der einer Teilnehmerin der „Allunionskonferenz der Frauen von Technikern und Ingenieuren der Schwerindustrie“ leutselig die Hand schüttelt, umrahmt von den Granden des Kreml. Und überall herrliche Blumen!

So ließe sich die propagandistische Verlogenheit einer Vielzahl der in Frankfurt gezeigten Bilder aufzeigen. Doch die These der Ausstellung ist eine andere. Sie will ja gerade nicht allein das geschlossene System dieser Propagandakunst vorführen, sondern die geheime Verwandtschaft mit der ab 1932 endgültig verfemten Avantgarde bloßlegen. Denn auch dieser, so Groys, ging es um die Verwirklichung einer kommunistischen Gesellschaft, auch sie verstand sich als Vorhut der Bolschewiki.

Als Beleg dient der Ausstellung insbesondere Alexander Deineka, der in den Zwanzigerjahren mit Motiven aus der Militär- und Arbeitswelt hervortrat, die eine genaue Kenntnis konstruktivistischer Bildprinzipien verraten. Deineka liefert mit hellfarbigen Sportdarstellungen wie der „Morgengymnastik“ von 1932 das Vorausbild eines lichten, gesunden Lebens – gerade so, wie es die linksradikale Intelligenzija stets erstrebte.

Und doch bleibt unklar, wie sich die auf Überwältigung setzende Bildsprache der Stalin-Propaganda zu der so gänzlich anders gearteten Avantgarde-Kunst verhält. Die Einbeziehung zweier figurativer Spätwerke des 1935 verstorbenen Malewitsch zur Untermauerung der These von der Wesensverwandtschaft reicht nicht aus; schon gar nicht bei Malewitsch, der gegen Ende seines Lebens – er starb 1935 – immer stärker verfolgt wurde. Überhaupt unterschlägt Groys’ These, wie viele Künstler der Moderne dem Stalin-Terror zum Opfer fielen, vom Berufsverbot bis zum Gulag.

Eher hätte die ungemein reiche Produktion von Plakaten und überhaupt Gedrucktem in der Ausstellung stärker hervorgehoben werden müssen, gerade weil die Kultur der Stalinzeit eine massenmediale war. Sie kam ohne die Errungenschaften der Moderne, wie Fotocollagen und -montagen oder die Verschmelzung von Schrift und Bild, nicht aus. Nur lud sie diese mit gänzlich anderen politischen Inhalten auf.

Um den Übergang von der Avantgarde zur Propaganda zu verstehen, lohnt der Blick in eine zweite, in Frankfurt gezeigte Ausstellung. Das Museum für Angewandte Kunst führt nicht weniger als 1200 „Russische Bücher der Avantgarde 1910 – 1934“ aus dem New Yorker Museum of Modern Art vor, die die im Westen seit jeher hoch geschätzte „heroische“ Phase der russisch-sowjetischen Moderne umspannen. Beginnt man allerdings am Ende der Ausstellungs-Chronologie, also Mitte der Dreißigerjahre, dann springen die raffinierten Gestaltungen für die überhaupt wichtigste, auch im Ausland verbeitete Propaganda-Zeitschrift „UdSSR im Aufbau“ ins Auge, für die Künstler wie Rodtschenko oder El Lissitsky die Entwürfe lieferten. Und dann erkennt man im zeitlichen Rückwärtsgang, wie diese Bildsprache der Verherrlichung von Technik und Industrie, von jeglicher Form von Modernität, wie sie Stalin sich seit dem Beginn der gewaltsamen Industrialisierung und Kollektivierung 1929 zu eigen machte, aus dem Reservoir der Moderne stammt.

Sie ging hervor aus quasi unschuldigen Anfängen der Befreiung von allen Fesseln der akademischen Tradition, welche die Buchausstellung anhand von zauberhaften, per Hand illustrierten Gedicht- und Prosabüchlein vorführt.

Es wäre verfehlt, die beiden Frankfurter Ausstellungen als einander ergänzend zu deklarieren. Sie verbindet nur ein schmaler, freilich entscheidender Augenblick: die massenwirksame Gestaltung und Ikonografie der frühen Dreißigerjahre. Für sich allein indessen bleibt die Schirn-Ausstellung „Traumfabrik“ allzu stark der optischen Überwältigung ihrer farbfreudigen Gemälde verhaftet.

Wie bei jenem Großformat unter dem Titel „Brot“. Es täuscht reiche Ernte vor, entstand jedoch Ende der Vierzigerjahre, als das Versagen der Kolchoswirtschaft eine neuerliche Hungersnot verursachte. „Die Arbeitsbedingungen in den kollektivierten Betrieben grenzten an Sklaverei“, heißt es dazu im Kurzführer lapidar.

Frankfurt, Schirn Kunsthalle, bis 4. Januar. Kurzführer gratis, Katalog bei Hatje Cantz, 464 Seiten, br. 29 €, geb. 45 €. – Museum für Angewandte Kunst, bis 25. Januar, Katalog (nur in Englisch), 304 Seiten, kt. 49 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben