Elbphilharmonie : Dissonanzquartett

Der Streit um die Hamburger Elbphilharmonie geht in die nächste Runde

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Ewige Baustelle. Die Elbphilharmonie – hier ein Blick auf den Rohbau – wird wohl erst 2013 fertig. Foto: Maurizio Gambarini/dpadpa

Eigentlich sollte die Elbphilharmonie Hamburgs kulturellen Glanz in die ganze Welt verbreiten. So hatte auch noch beim Neujahrsempfang des „Hamburger Abendblatts“ in der Tiefgarage des Baus bundespolitische Prominenz von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) über den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) bis zu SPD-Chef Sigmar Gabriel Lobeshymnen auf den Musen- und Musiktempel gesungen. Doch wieder einmal gibt es Streit zwischen der Stadt Hamburg als Auftraggeber und dem Baukonzern Hochtief aus Essen. Es geht um viel Geld.

Ursprünglich sollte der Glaspalast 77 Millionen Euro kosten, mittlerweile sind es 323 Millionen. Und ein Ende der Kostenspirale ist nicht in Sicht. Denn Hochtief hat just seine neueste Kalkulation vorgelegt, unter anderem sollen durch einen aufwendigeren Bau des großen Konzertsaals 22,4 Millionen Euro Mehrkosten fällig werden. Die Ankündigung von Hochtief-Niederlassungsleiter Thomas Möller, dass der geplante Eröffnungstermin am 17. Mai 2012 nicht eingehalten werden kann, kam für die Hamburger Kulturbehörde einer weiteren Katastrophenmeldung gleich. Nun soll die Elbphilharmonie 2013 fertig sein. Längst ist um die Kosten und die Bauverzögerung eine Schlammschlacht zwischen Behörde, Realisierungsgesellschaft (ReGe) und den senatstragenden Parteien von CDU und Grün-Alternativer Liste auf der einen Seite sowie Hochtief auf der anderen Seite entbrannt. GAL-Fraktionschef Jens Kerstan nennt den Konzern eine „bösartige Heuschrecke“. Das Unternehmen, zugleich Mitinvestor für die integrierten Wohnanlagen und ein Hotel, pokere um eine bessere Rendite. Als Beweis für seine These führt Kerstan Bauprojekte wie den Weser-Tower in Bremen oder die RTL-Sendezentrale in Köln an. In der CDU wird ähnlich gedacht, nur wahrt man verbal noch die Contenance.

Hochtief betont dagegen, die immer neuen Wünsche aus dem Schweizer Architektenbüro Herzog & de Meuron trieben die Kosten in die Höhe. Dem wiederum widerspricht ReGe-Geschäftsführer Heribert Leutner. Karl Olaf Petters, Sprecher der Kulturbehörde, ergänzt: „Was als sogenannte Änderung bezeichnet wird, ist häufig nur eine Detaillierung der Planung.“ Die gegenseitigen Schuldzuweisungen zeigen, dass das komplizierte Vertragswerk für die Elbphilharmonie offenbar Handlungsspielräume zulässt, um die nun gefeilscht wird – weshalb die Opposition von SPD und Linken detaillierten Einblick in die Verträge verlangt. Bisher wurde dem Kulturausschuss ein Drittel der Unterlagen vorenthalten. Nun soll dem Verdacht nachgegangen werden, dass das Projekt für die städtischen Verantwortlichen womöglich „eine Nummer zu groß“ sei.

Die Elbphilharmonie, ein Fass ohne Boden? „Wir sind nicht erpressbar“, konstatiert Petters in Übereinstimmung mit GAL-Spitzenmann Kerstan. Die SPD, die weiter zu dem Projekt steht, fürchtet nach Aussage von Fraktionschef Michael Neumann allerdings „weitere schlechte Nachrichten“. Gleichzeitig wollen die Sozialdemokraten eine Pauschalkritik gegen Hochtief nicht gelten lassen und verweisen darauf, dass das Unternehmen beim Bau des neuen Klinikums im Universitätskrankenhaus Eppendorf die vereinbarte Bausumme von 188 Millionen Euro eingehalten und die errechnete Bauzeit sogar um drei Wochen unterschritten hatte.

Die Kostenexplosion, für die niemand verantwortlich sein will, lässt sich so oder so nicht mehr eindämmen. Mag sein, dass erst eine parlamentarische Aufarbeitung durch einen Untersuchungsausschuss für Klarheit sorgt. Ein Instrument, auf das die Opposition aber wohl erst zum nächsten Bürgerschaftswahltermin 2012 zurückgreifen wird. Dann ist die Elbphilharmonie nicht mehr Hamburgs schönster Kulturtempel, sondern das am heftigsten und hässlichsten umstrittene Wahlkampfthema der Stadt.

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