Elbphilharmonie : In schwerer See

Die Elbphilharmonie wird teurer und später fertig als geplant. Das hat Folgen für Hamburgs Musikleben.

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Immer neue Verzögerungen. Die Baustelle der Hamburger Elbphilharmonie.Foto: dpa

Wer das Debakel von Hamburgs Elbphilharmonie verfolgt, der konnte in den letzten Monaten nachgerade zum Bauexperten werden, so sehr geht die Debatte über das Jahrhundertprojekt ins Detail. Von weißer Gipshaut ist die Rede, von Lüftungskanälen und Sitzstufenfachwerk für den Großen Saal.

Der Große Saal: Hoffnung und Albtraum zugleich. Er soll dafür sorgen, dass die gläserne Welle am Bug der Hafencity nicht nur Hamburgs neues Wahrzeichen wird, sondern die Stadt auch musikalisch an die Weltspitze katapultiert. Und er ist schuld, dass das Gebäude noch einmal erheblich teurer und später fertig wird. Skeptiker sehen den Ruf als Musikstadt gefährdet, war durch die Aussicht auf die Elbphilharmonie doch gerade erst Bewegung in das verstaubte Musikleben gekommen.

Seit Jahren streiten sich die Stadt als Bauherrin und der Baukonzern Hochtief als Generalunternehmer darüber, wer für die Verzögerungen einzustehen habe. Erklärt die Stadt Änderungswünsche der Architekten Herzog & de Meuron und des Akustikers Yasuhisa Toyota zu notwendigen Planungsverfeinerungen, spricht Hochtief von – Kosten auslösenden – Änderungen. Oder erklärt, es fehlten Planlieferungen und erstattet Baubehinderungsanzeigen. Ende 2008 hatte die Stadt einen Nachschlag von 137 Millionen Euro zugestanden. Die Gesamtkosten für die öffentliche Hand stiegen damit auf 323 Millionen Euro, und der Eröffnungstermin wurde noch einmal verschoben, auf Mai 2012.

Im Januar 2010 forderte Hochtief noch einmal mehr als 20 Millionen Euro und kündigte an, der Bau würde erst 2013 fertig. Daraufhin brach im Rathaus erneut eine Schlammschlacht los, und die oppositionelle SPD beschloss nun doch den Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, den sie schon 2008 angedroht hatte. „Die Stadt haut die Millionen für die Elbphilharmonie raus und erhöht gleichzeitig die Kitagebühren“, wettert Fraktionschef Michael Neumann. „War die Vertragsgestaltung so schlampig, dass sie Nachforderungen Tür und Tor öffnete? Was war mit dem Controlling?“ Die Architekten und Hochtief haben separate Verträge mit der Stadt; deshalb waren sie einander zunächst nicht zur Einhaltung eines Zeit- und Kostenlimits verpflichtet. Hier wurde nachgebessert.

Wann die Elbphilharmonie eröffnet wird, dazu äußert sich die zuständige Kulturbehörde sibyllinisch: „Zum jetzigen Zeitpunkt können wir keine Verträge für Mai 2012 schließen.“ Man prüfe „alternative Eröffnungsszenarien“, vulgo Termine. Die Zurückhaltung ist taktisch bedingt: Gäbe die Stadt den Termin offiziell auf, würde sie ihre Verhandlungsposition gegenüber Hochtief schwächen.

Christoph Lieben-Seutter hingegen, Generalintendant der Laeiszhalle und der künftigen Elbphilharmonie, sagt inzwischen öffentlich, dass er mit Mai 2012 nicht mehr rechne. Er muss schon zum zweiten Mal Planungen rückgängig machen – und darauf achten, dass er glaubwürdig bleibt. Einem Orchester vom Rang der Wiener Philharmoniker ist es nicht gleichgültig, ob es in der nagelneuen Elbphilharmonie oder in der Laeiszhalle spielt. Und ohne Termin kann Lieben- Seutter auch die Eröffnung nicht planen. „Glanz und Gloria eines Eröffnungsfestivals hängen an der Planungsdauer“, sagt er. „Wenn ich wenig Vorlauf habe, kann ich die Orchester nicht à la carte buchen.“

Bis auf weiteres bespielt Lieben-Seutter mit den „Elbphilharmonie Konzerten“ nicht nur die überbuchte Laeiszhalle, sondern alle möglichen Kulturorte in Hamburg. Sasha Waltz & Guests und das Ensemble Modern waren mit „Jagden und Formen“ in der Kampnagel-Fabrik zu Gast, das Akkordeonfestival hat die Amüsiermeile Reeperbahn erobert. Ein Händchen hat Lieben-Seutter auch mit den Artists in Residence Thomas Quasthoff und Tabea Zimmermann bewiesen.

Nach der Anzahl der Weltklasseorchester zu urteilen, die hier absteigen, hat Hamburg auf dem Weg zur Ersten Klassikliga aber noch eine gehörige Strecke vor sich. Diese Saison konnte man die Auftritte von Spitzenorchestern an zwei Händen abzählen, die meisten davon organisierte auch nicht Lieben-Seutter, sondern die Konzertdirektion Dr. Goette. Die hat sich jahrzehntelang mit dem Norddeutschen Rundfunk die Lufthoheit über die Laeiszhalle geteilt: mit gediegenen Programmen, Schwerpunkt 19. Jahrhundert. Auf die öffentlich finanzierten „Elbphilharmonie Konzerte“ ist man bei Goette nicht gut zu sprechen, von „Wettbewerbsverzerrung“ und „Verdrängung“ ist die Rede. Doch Goette bringt inzwischen auch Originelleres wie den Schlagzeuger Martin Grubinger oder eine Porträtreihe mit Alfred Brendel.

Beim NDR-Sinfonieorchester, künftig das Residenzorchester der Elbphilharmonie, vollzieht sich ein Generationswechsel: Im Herbst 2011 folgt Thomas Hengelbrock auf dem Chefposten Christoph von Dohnányi nach. Im Orchester sieht man viele junge Musiker, die mit historischer Aufführungspraxis vertraut sind. Für die Hamburger Symphoniker hat Intendant Daniel Kühnel der Stadt die Aufstockung zum A-Orchester abgetrotzt. Kühnel landet manchen Besetzungscoup; seit dieser Saison steht Jeffrey Tate am Chefpult.

Dagegen arbeitet Simone Young, Chefdirigentin der Philharmoniker Hamburg und Intendantin der Staatsoper, eher mit Bordmitteln. Ans Pult lässt sie nur selten Kollegen; selbst Daniel Barenboim beschränkt sich hier aufs Klavierspielen. Diese Saison bringt Young gerade mal fünf Premieren auf die Bühne des Großen Hauses. Immerhin konnte sie mit „Siegfried“ endlich einen Erfolg feiern. Jüngst erlebte das Haus nach 13 Jahren wieder eine Uraufführung: Der Abend mit „Le Bal“ von Oscar Strasnoy fand zwar Anklang bei der Kritik, kaum jedoch beim Publikum.

Und die Neue Musik? „Ensemble Resonanz“, das Ensemble in Residence der Laeiszhalle (und künftig auch der Elbphilharmonie), erarbeitet sich mit neuen Konzertformen überregionale Beachtung. Von der Initiative „Klang!“ stammt der mobile Container für Miniperformances. Und beim Festival „Blurred Edges“ mit taufrischer Musik vom DJ-Sampling bis zum Cembalo- Tennis ist jeder Künstler sein eigener Veranstalter – die Stadt kostet das kein Geld. Das trifft sich gut, denn sie braucht es ja für die Elbphilharmonie.

Jüngste Meldungen: Die Fluglinie Emirates will für 100 Millionen die Namensrechte am Gebäude kaufen. Und Bauarbeiter haben in der Hafencity eine Silbermine gefunden. Einziger Haken der frohen Botschaften: Sie stammen vom 1. April.

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