Elbphilharmonie : Vom Kurs abgekommen

Die Elbphilharmonie bereitet Hamburg Sorgen. Das Konzerthaus soll nun erst im Jahr 2011 fertig werden.

Verena Fischer-Zernin

Steinig ist der Aufstieg in die musikalische Weltspitze. 2007 hatte Hamburg sein Prestigeprojekt „Elbphilharmonie“ gestartet – bis jetzt allerdings sieht man von der Baustelle immer noch nicht mehr als den alten, backsteinernen „Kaispeicher A“, gegürtet von blauen Stahlbändern. Drinnen entstehen die unteren Geschosse mit Parkhaus, Backstagebereich und Platz für Musikpädagogik. Die gläserne Welle darüber soll ab Ende des Jahres in den Himmel wachsen. Sagen zumindest die Projektleiter. Wegen Bauverzögerungen hat die Stadt bereits den Eröffnungstermin um ein Jahr auf den Herbst 2011 verschieben müssen. Als Hauptgrund nannte der Senat, dass der Bauunternehmer und Investor Hochtief Probleme habe mit der Komplexität des Großen Saals. Ohnehin war die Bauzeit mit dreieinhalb Jahren beeindruckend sportlich bemessen. Schließlich soll das futuristische Gebilde der Schweizer Star-Architekten Herzog & de Meuron nicht nur den Konzertbetrieb beherbergen, sondern auch ein Hotel, Restaurants und Luxusappartements.

Und die wasserumspülte Kehrwiederspitze ist als Standort eine echte Herausforderung. Selbst die Container stehen hier auf Stelzen. Hochtief hat inzwischen rund 190 sogenannte Behinderungsanzeigen erstattet, genug Hebel für Nachverhandlungen also. Dazu kommen die vielen Änderungswünsche, die naturgemäß während der Arbeiten auftauchen. Beim Festpreis von 241,3 Millionen Euro für den ganzen Bau wird es nicht bleiben, das steht schon mal fest.

Während Hochtief, die Stadt und die Architekten sich hinter den Kulissen den Schwarzen Peter zuschieben, ist von einer überregionalen Ausstrahlung des Hamburger Musiklebens noch nichts zu merken. Statt den Negativmeldungen um die Elbphilharmonie mit gezielten Marketingkampagnen entgegenzutreten, hat der Senat die Terminverschiebung ausgerechnet kurz vor den Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen der Laeiszhalle verkündet.

Die ist immer noch Hamburgs einziges Konzerthaus. Beim Senatsempfang zum Jubiläum fehlten dann sowohl Bürgermeister Ole von Beust (CDU) als auch die parteilose Kultursenatorin Karin von Welck. Das Festprogramm bestritt man mit Bordmitteln unter dem kalauernden Motto „Laeisz ganz laut“. Jedes der drei örtlichen Orchester, NDR-Sinfoniker, Philharmoniker und Symphoniker, spielte sein Konzert – ohne Solisten, ohne internationales Flair. Selbst aus dem konservativen Publikum hörte man Murren. Nun muss die gute alte Laeiszhalle die Konzerttermine auffangen, die bereits im Neubau geplant waren. „Die hatten wir freigehalten“, sagt Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant beider Häuser. „Wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.“

Unterdessen geht das Machtgerangel unter den Hamburger Konzertveranstaltern weiter. Hans-Werner Funke, langjähriger Chef der hochpreisigen „Pro Arte“- Konzerte, hat kurz vor seinem Ausscheiden in einem Interview gegen die „m- Konzerte“ gewettert, die hauseigene Reihe der Laeiszhalle: Es sei Wettbewerbsverzerrung, dass diese mit Steuergeldern bekannte Künstler verpflichte. Lieben-Seutter, der den öffentlich finanzierten Etat hat und dazu die Hoheit über die Konzerttermine, reagierte gelassen: „Das ist halt ein struktureller Konflikt.“ Schon lange gibt es den Vorschlag, sich an den runden Tisch zu setzen – ein Termin scheint indes nicht in Sicht.

Trösten können sich die Hamburger damit, dass auch andere Kultur-Megaprojekte zeitlich und finanziell aus dem Ruder gelaufen sind. Der Bau des Opernhauses von Sydney beispielsweise hat 14 Jahre gedauert.

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