Kultur : Elchtest bestanden

MANUEL BRUG

Die Berliner Philharmoniker spielen ihr Europakonzert in StockholmVON MANUEL BRUGGerade hatte man noch applaudiert, als die Stewardess verkündete, es sei "ein Wagen Champagner extra" geladen.Aber als sie das "Berliner Philharmonische Orchester" begrüßt, gellen "Falsch!"-Zwischenrufe, denn in der Maschine sitzt - leibhaftig - die Phantomvereinigung "Berliner Philharmoniker".Kompliziert genug: für Plattenaufnahmen und für nicht als Diensttuende Berlins durchgeführte Projekte verkürzt man seinen guten Namen auf das Plattensignet.Bevor das Wörtchen "Orchester" wieder auftaucht, so wie auf der anschließenden Tournee nach Athen, München, Wien, Turin und Ferrara, sind die Berliner Philharmoniker in den Norden unterwegs - zum achten Europakonzert.Was nichts anderes heißt, als zu einem Medienereignis, bei dem man dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker Paroli bieten will, indem man den Orchester-Geburtstag vor europäischen Hintergründen im Fernsehen begeht.Das Schiff bebtEine geniale Rechnung.Ein abgefilmtes Orchester ist nicht sonderlich spannend - vor entsprechender Kulisse schon.Die Reisekosten übernimmt Daimler Benz, die das Konzert zum Incentive-Event gestalten.Die mit den Rechten der Berliner bedachte Produktionsfirma EuroArts kümmert sich um die zum Teil recht aufwendige Umsetzung und um die mediale Auswertung.Jeder profitiert dabei.Nur die Zuschauer im akustisch nicht berauschenden Saal fungieren als Statisten für die Kameras, dürfen aber dafür das exklusive Dabeisein für sich verbuchen.So ist diesmal das Stockholmer Vasa-Museum der Ort der von 18 Sendern live ausgestrahlten, euphorisch geschätzt von einer Milliarde Menschen wahrgenommenen Geburtstagsfeier.Mercedes bewies dabei Größe.Firmiert doch die Vasa, das Flaggschiff Gustav II.Adolfs, als erstes Elchtest-Opfer: 1628 sank das Boot bei der Jungfernfahrt mit 145 Mann, Mäusen und Schiffskatze im Hafen von Stockholm.333 Jahre später wurde es ins Trockene zurückgeholt, einzigartig erhalten, weil in der Ostsee der alles Holz zerstörende Schiffswurm nicht vorkommt.Weil auch das Museum vom Werbeeffekt der TV-Töne made by Berlin überzeugt war, wurde die Besucherattraktion für eine Woche geschlossen und vor dem Schiff ein Podest aufgebaut.Von zehn Kameras in niegesehenen Perspektiven abgefahren, effektvoll mit dramatischen Schlagschatten ausgeleuchtet, bietet das Gespensterschiff dem sonst nur virtuellen Geisterorchester Berliner Philharmoniker eine einmalige Kulisse für - natürlich - die Ouvertüre vom Fliegenden Holländer, mit Hörnerwarnrufen, elegischem Englischhornsolo und verglimmendem Harfenerlösungsschluß.Das bebt, das hätte selbst ein Utopist wie Wagner sich so realistisch nie zu träumen gewagt.Das Schiff schwebtAllein ein solcher Beginn hebt dieses Europakonzert über Orte wie den Escorial, den Palazzo Vecchio, das Schloßtheater Versailles oder das Petersburger Marientheater heraus.Selbst der Genauigkeitsfanatiker Abbado, der ob der akustischen Widrigkeiten Pein litt, nimmt das hin.Zwar gab es noch in der Generalprobe Verstimmtheiten über unterschiedliche, wohl auch nicht genügend probierte Auffassungen eines so komplizierten Stückes wie der Trois Nocturnes von Claude Debussy, die bei der Aufführung dann auch prompt in ihre Einzelteile zerstieben.Doch Peter Tschaikowskys ebenfalls als Reverenz an die Aura des Ortes gedachte "Sturm"-Fantasie mit ihrem zarten Liebesthema und dem Seegewitter hat feine Momente.Auch Debussys "Sirènes" ist die Programmierung wert - schon der schwebenden Stimmen des von Abbado so geliebten Schwedischen Rundfunkchores wegen.Dem bleibt zudem die zweite Konzerthälfte mit Verdis zarten "Quatro pezzi sacri" vorbehalten, von Abbado beinahe nur mit den Augen dirigiert.Schon in den Proben, wo man noch hörend um und über das Schiff wandeln konnte, scheinen die körperlose Strahlkraft der Stimmen die Massigkeit des Schiffes zu negieren, seine vom Zahn der Zeit benagten Schnitzfiguren zu schweben, Materie sich aufzulösen.So haben die Berliner Philharmoniker ihren Elchtest glanzvoll bestanden.

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