Kultur : Elchtest

Hélène Grimaud und das Lahti Symphony Orchestra

Christine Lemke-Matwey

Ohne Fortschrittlichkeit geht bei den findigen Finnen gar nichts. Mal eben so in der wintersportlichen Provinz ein Orchester aus dem Boden stampfen? Von wegen. Drei Ziele, heißt es, habe sich das Lahti Symphony Orchestra Anfang der Neunzigerjahre gesetzt: einen neuen Konzertsaal zu bauen, ein Netzwerk für internationale Tourneen zu etablieren und sich darüber hinaus mit „innovativen Projekten“ einen Namen zu machen. Keine Frage, dass alle drei Ziele längst erreicht worden sind. Und unter Innovation verstehen die Lahti-Musiker vor allem ihre Kooperation mit landeseigenen Firmen („symphonische Gemeinsamkeit“). Mehrere Wirtschaftspreise (!) hat das Orchester bislang für sein kreatives Marketing eingeheimst.

Die künstlerischen Auszeichnungen indes werden wohl noch auf sich warten lassen. Beim Debüt in der Berliner Philharmonie machte das „Kleinstadtwunder“ um Chefdirigent Osmo Vänskä seinem Spitznamen gewiss alle Ehre: Gerade das Blech hatte bei Sibelius’ „Tapiola“-Tondichtung und auch in den Opern-Interludien von Joonas Kokkonen starke Momente. Holz und Streicher hingegen hinterließen einen steifen, ja strohigen Eindruck. Dass Vänskä seinerseits kein Anhänger geschmeidiger Phrasierungsarbeit ist, auch den dynamischen Verhältnismäßigkeiten zu wenig Ohrenmerk schenkt, lud Sibelius’ Siebte zwar mit mächtigem Konfliktgetöse auf, trug den hochkomplexen Strukturen und Zeitfenstern der Partitur aber kaum Rechnung. Da ist Europa durch Sakari Oramo oder die Gebrüder Kaurismäki doch ein sensibleres Finnland-Bild gewohnt.

Das Herz des Abends: Schumanns Klavierkonzert mit Hélène Grimaud. Hoch differenziert, mit Kraft fürs Vollgriffig- Virtuose wie mit empfindsamem Anschlag fürs Poetische, Lyrische und in atemlosen Tempi zeichnete die Französin hier Schumanns Weg vom Romantiker zum Klassizisten nach. Eine Innenschau, die sie bisweilen regelrecht gegen die Raubauzigkeiten des Orchesters verteidigen musste, was ein bisschen schade war.

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