Kultur : Elefantenrunde

Die Attraktion waren die Elefanten. Sie waren der Höhepunkt des Tempodrom-Eröffnungsfestes am Sonnabend, weil sie machten, was die Natur ihnen eingab, und weil der Konflikt zwischen geplantem Programm und naturgemäßer Notdurft zumindest ein paar Lacher provozierte. Ansonsten blieb die Stimmung blass. Das lag nur auf den ersten Blick an der mäßigen Programmgestaltung, die mit dem Rückgriff auf Tempodrom-Veteranen wie Nina Hagen und Romy Haag ihr Soll an Einfallsreichtum erfüllt zu haben glaubte und die beim Galapublikum nichts weiter beschwor als die Erinnerung an glückliche Stunden - ist es doch mit dem Tempodrom gealtert. Es lag vielmehr an der nagenden Sorge, die Zeiten des Tempodrom und dessen, wofür es an "Alternativkultur" gestanden hat, könnten für immer vorbei sein. Ausgerechnet jetzt, da der einstige Sponti-Musikzirkus mit seinem mächtigen Betonneubau in die Riege der großen, staatsgetragenen Etablissements aufgestiegen ist.

Eben da liegt das Problem. Nicht so sehr in der Ablehnung von Staatsknete - diese Phase hat die Alternativbewegung schon seit vielen Jahren im Zuge ihrer Sozialdemokratisierung hinter sich gelassen. Die Notwendigkeit indessen, der gewaltigen Summe - die sich am Ende mit 60 Millionen Mark auf beinahe das Doppelte der urspünglich so einschmeichelnd dargebotenen Berechnung addierte - mit einem profitablen Programm Rechnung zu tragen. Nicht am Staatsgeld an sich, sondern an der geradezu erpresserischen Art seiner Erlangung hat sich das Tempodrom eine schwere Hypothek eingehandelt. Der Regierende Bürgermeister, zum Grußwort in die Manege gerufen, gab sich denn auch vergrätzt. Er sei beim Tempodrom "umgefallen" - die "politische Sünde" der Nachfinanzierung wird Klaus Wowereit, den im Betonrund herumstehenden Elefanten an Gedächtnisstärke ebenbürtig, gewiss nicht vergessen. Das Tempodrom, gab der gelernte Haushälter in wenig feierfreudigen Worten zu verstehen, ist zum Erfolg verdammt.

Es wird dies der pekuniäre Erfolg sein, der heutzutage allenthalben die Messlatte auch kultureller Einrichtungen bildet. Angetreten war das Tempodrom unter umgekehrten Vorzeichen - als kreative Leugnung solchen Marktkalküls. Zumindest gab sich das treue Stammpublikum gern dem Glauben hin, für ein paar Stunden in einer Nische der Wirtschaftsgesellschaft zu kuscheln. Jetzt, im kantig-kalten Betonzelt, wird der Besucher auf Schritt und Tritt daran erinnert, dass zuallererst seine Brieftasche gefragt ist - beim preislich fühlbaren Getränkekauf wie an den zeitgemäßen Merchandising-Ständen. Und der Rentabilitätsdruck, der auf dem in letzter Sekunde vor der Baupleite geretteten Haus liegt, erinnert daran, dass das anfangs so auftrumpfend verkündete Finanzierungsmodell mit immerhin einem Viertel privater Spenden- und Sponsorenbeiträge grandios gescheitert ist.

Am Ende haben nicht die Bürger bezahlt, sondern Übervater Staat - wie bei der als verknöchert belächelten Hochkultur auch. Normalität herrscht am Anhalter Bahnhof, und böse Zungen sehen bereits Peter Schwenkow in der Warteposition - für den bitteren Fall der Fälle.

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