Elegy : Striptease der Seele

Penélope Cruz und Ben Kingsley brillieren im Wettbewerbsfilm "Elegy" - eine Literaturverfilmung nach einem Roman von Philip Roth. Die spanische Regisseurin Isabel Coixet inszeniert den Stoff als virtuoses Kammerspiel zweier Liebender.

Jan Schulz-Ojala
Elegy
Penélope Cruz und Ben Kingsley in "Elegy". -Foto: dpa

Nichts schlimmer, als bei Literaturverfilmungen immer Texttreue einzuklagen, Lieblingsszenen und durch die Lektüre fest gebuchte Gefühle. Vor derlei Kontrollfreaks haben Literaturverfilmer, die oft genug bloß Bestsellerverfilmer sind, kuschen gelernt. Ängstlich spähen sie nach allen Seiten, ob sie die vergesellschaftete Phantasie auch brav genug bedienen. Folglich ist ein ganzes Genre mit den Jahren zuschande geritten und fast zum Schimpfwort geworden.

So gesehen, mutet es wie ein unternehmerisches Selbstmordkommando an, das literarische Werk eines bekennenden Machos ausgerechnet in die Hände einer Regisseurin zu geben. Und dann auch noch an die Spanierin Isabel Coixet, die in ihren Filmen „Mein Leben ohne mich“ und „Das geheime Leben der Worte“ weniger die Sinnenlust als das körperliche Leiden zu feiern scheint, genauer: das seelische Glück, das erst aus der Überwindung von beidem entsteht. Ausgerechnet diese Lossagungsregisseurin also macht sich an den Roman eines Festhalteschriftstellers par excellence: Aufpasser aller Länder, zückt die Stifte, zückt die Scheren!

Und nun das. „Elegy“ – nach Philip Roths Roman „Das sterbende Tier“ – ist eine Anverwandlung in aller Text- und Ereignistreue und zugleich eine Wiedergeburt. Denn wo Roth angesichts der Affäre eines älteren Dozenten und seiner Studentin seinen Ich-Erzähler mal eitel schwafeln, mal auch zynisch mit sich selbst Gericht halten lässt, bevor er dem Selbstmitleid des Verlassenen die Sporen gibt, nimmt Coixet das ungleiche Paar klug von außen in den Blick. Sie bejubelt die Eroberung ebenso wenig wie sie den Verlust beweint. Stattdessen lässt sie diesen David Kepesh und seine Consuela Castillo auf atemberaubend stille Weise zueinander finden. Und auf einmal hat auch das mitunter tobende Buch die Ruhe, die ihm in seiner Tiefe innewohnt.

Es ist eine Ruhe, die aus der Liebe kommt; zu ihr muss die Affäre sich allerdings erst bekennen, sechs Jahre später, in einem abenteuerlichen Epilog. Und es ist die Ruhe angesichts des Todes. David Kepesh, der seit langem geschiedene Anfangsechziger, der an der Uni mitnahm, was sich ihm an Weiblichkeit in den Weg stellte, entdeckt erst nach der Trennung seine fundamental verzehrende Leidenschaft. Und Consuela, die, noch keine Dreißig, unheilbar an Krebs erkrankt, muss im noch frühen Leben Abschied nehmen – und findet zu dem zurück, der sie und den sie nicht vergessen konnte.

Klar: Schwer kitschverdächtig ist eine solche Love-Story, wenn man ihr den panzernden Zynismus und auch das fein gebrochene Pathos der Roth'schen Diktion entzieht. Aber Coixet entscheidet sich, nach dem Drehbuch von Nicholas Meyer, der schon das Buch zu Robert Bentons erster Roth-Verfilmung „Der menschliche Makel“ schrieb, für eine knappe Sprache, für Szenen, die ihre Botschaften verdichten statt ausschlachten, für ein fast minimalistisches Kammerspiel. Die Bilder dazu schwelgen in kühlem, mitunter fast entsättigtem Blau, Grau, Braun, aus dem die Gesichter und Körper im starken Licht manchmal wie gemeißelt hervortreten; niemals umschmeichelt hier irgendwer irgendwen oder irgendwas irgendwas. Unfiebrig das alles, unfiebrig gut.

Was nicht heißt, dass es zwischen diesen zweien, die so zurückgenommen von Penélope Cruz und Ben Kingsley verkörpert werden, nicht funkt, im Gegenteil. „Elegy“ ist zuallererst das Spiel mit Kingsleys Blick: Für die Welt, in der der Uni- und Radio- und Fernsehliteraturmann seine Erfolgsrolle spielt, hat Kingsley leere, braune Augen, die nur das Begehren noch fokussieren kann; doch je weiter die Handlung vom sexuellen Glück mit der Mittzwanzigerin hinüberwechselt in die Passion, desto kühner vermisst die Kamera Jean-Claude Larrieus sein Gesicht, auf dem sich ein wahrer Psycho-Striptease vollzieht. Nackter als in Ben Kingleys Augenlandschaft werden wir auf dieser Berlinale die Seele eines Mannes nicht zu fassen kriegen.

Penélope Cruz, die ihre Rolle erst annahm, als die Regie Coixets feststand, ist auf ihre Weise ganz Un-Star. Anders als bei Pedro Almodóvar, der gern auch durch Cruz’ Strahlen leuchtet, ist ihre Consuela eine dunkle Schöne, eine Stille auch, die ihre Ziele allerdings sehr geradewegs verfolgt. Wir sehen sie mit den Augen eines Mannes, der sie zu langsam und dann vollendet begreift. Schon jetzt unvergesslich jene Szene körperlicher Schönheit, die von der eigenen Vergänglichkeit kündet: Kepesh fotografiert, Tage vor der Operation, die Krebskranke nackt – und schenkt Consuela damit das Bild, das sie von sich selber bewahren will. Auch diese Roth’sche Männerfantasie bricht Coixet von innen auf: als intimes Einverständnis zweier, die für die Welt verloren sind.

Der Rest ist – vorzügliche – Kulisse: Kepeshs Sohn Kenny (Peter Saarsgaard), dem der Film, anders als das Buch, eine leise Versöhnungswärme mit dem Vater gestattet. Kepeshs Freund George, den Dennis Hopper gemessen heiter in der Balance zwischen dem lebenslang Halbstarken und dem Weisen hält. Und, fulminant, Patricia Clarkson als Kepeshs Gelegenheitsbettgenossin Carolyn, die selber ins Altwerden und Alleinsein driftet. Nur: Was werden die Philip-Roth-Fans zu dem geänderten Schluss sagen? Werden sie nicht zumindest streng monieren, dass die letzten beiden Dialogzeilen nicht nur frech erfunden, sondern offenbar auch noch sträflich vertauscht wurden? Kann schon sein.

Heute 12 und 18.30 Uhr (Urania), 22.30 Uhr (International).

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