"Elektra" am Deutschen Theater : Sophokles im Schnellwaschgang

Die alten Griechen theatralisch aufmotzen? Stefan Pucher mag das. Am Deutschen Theater inszeniert er "Elektra" in knapper Spielfilmlänge - als schrille Leidensperformance.

von
Entertainerinnen. Tabea Bettin (links) und Katharina Maria Schubert.
Entertainerinnen. Tabea Bettin (links) und Katharina Maria Schubert.Foto: Rainer Jensen/dpa

Geborene Entertainer, diese Atriden. Allein wie das Rennen in Delphi geschildert wird, bei dem Orestes tödlich verunglückt sein soll, ist pures Kino: „Die ganze Bahn erfüllte sich von dem Getöse der rasenden Wagen, der Staub flog auf, und wie in eins vermengt, sparten sie die Geißeln nicht, dass einer des anderen Nabe überrunde und der Pferde schnaubende Nüstern.“ Da hat man gleich „Ben Hur“ in Cinemascope vor Augen, Blut, Sand und Männerschweiß. Klar, die besten Skripts entspringen der Fantasie. Was die Figur des Alten in der „Elektra“ des Sophokles in allen dramatischen Details über Seiten hinweg schildert, bis hin zum tragischen Sturz und der Einäscherung des Helden, ist erfunden und erlogen. Orestes geht es gut, er lebt. Und wartet nur darauf, gemeinsam mit der Schwester Mutter Klytaimnestra erschlagen zu können. Auf dass sich der unselige Kreislauf aus Mord und Rache fortsetze.

In Stefan Puchers „Elektra“-Inszenierung am Deutschen Theater ist der wahre Fluch der Atriden ihre Verdammung zur ewigen Wiederkehr. Als Leidensperformer zu unserer Unterhaltung. Es stimmt ja: die gesamte Popkultur ist durchdrungen von ihren Kabalen und Lieben, man findet noch heute kaum eine Familien-Saga, kaum eine amerikanische Serie, in der nicht Grundzüge der „Orestie“ auftauchten. Mit dem Stoff kennt der Regisseur sich aus. Pucher hat vor einigen Jahren „Aischylos“ in Zürich inszeniert. Und wenig später Eugene O’Neills „Trauer muss Elektra tragen“ an den Münchner Kammerspielen. Jetzt kehrt er zu den Wurzeln der Tragödie zurück – und macht sie hörbar als tristen Schicksals-Loop.

Die Bühne von Barbara Ehnes ist eine angeranzte Glamourtribüne mit fernem Nachhall antiker Versammlungsstätten, umstellt von Videoleinwänden, über die Chris Kondek gerne mal Axtmorde zwischen ironischem Splatter und stilisierter Silhouette flimmern lässt. Zu Beginn hadern auf dem Screen auch die junge Elektra und der junge Orestes im Look von Kurt Cobain und Courtney Love mit ihrem Schicksal. Mutter Klytaimnestra und Lover Aigisthos haben den Vater Agamemnon über die Klinge springen lassen – weil der Tochter Iphigenie zu opfern bereit war. Jede Bluttat hat ihre Vorgeschichte und ihre Konsequenz. The Horrorshow must go on.

Als Background-Chor lässt Pucher Anita Vulesica, Tabea Bettin und Susanne Wolff in Glitzergarderobe swingen (Kostüme: Annabelle Witt), zum Easy-Listening-Sound der Musiker Michael Mülhaus und Masha Qrella. Wobei die Lyrics auch mal von Charles Manson stammen: „So burn all your bridges, leave your whole life behind.“ Diese Travestie der Grausamkeit wird noch unterstrichen durch die wallenden Röcke, die Teile des männlichen Tragödien-Personals tragen: Michael Schweighöfer als der Alte, Felix Goeser als Orestes. Imposantere Statur gewinnt auch Andreas Döhlers Aigisthos mit seinen hängenden Schultern nicht. Die Kerle sind hier eher Mordsdienstleister als Macher, haben sämtlich einen Zug ins Depressive.

Umso stärker die Frauen. Susanne Wolff gibt neben ihrem Chor-Part eine gefährlich grollende Radikalpragmatikerin Klytaimnestra, Tabea Bettin eine sich in Opportunismus windende Elektra-Schwester Chrysothemis. Und Katharina Marie Schubert – die schon in Puchers O’Neill-Inszenierung die Lavinia war – ist als Titelheldin mit kajalunterlaufenen Augen im Nadelstreifenanzug großartig. Eben keine Rachefurie im „Kill Bill“-Stil, sondern eine Gefangene der tödlichen Gaudi, die mit dem Kopf gegen das vorbestimmte Schicksal anrennt.

Der Regisseur benötigt nur 90 Minuten für diese Sophokles-Show. Dass sich dennoch Längen einschleichen, liegt an der bewussten Verweigerung von Pathos und Tragödienwucht. Schlüssig aber bleibt die Inszenierung. Vor allem, weil sie nicht die Zeitgenossenschaft der Atriden behauptet. Pucher – der am DT zuletzt Ibsens „Hedda Gabler“ mit Nina Hoss herausgebracht hat – will mit den Griechen nicht Gegenwart erklären. Er zeigt bloß das Unvergängliche an ihnen. In Elektras Worten: „Wie oft hört ihr mein Klagelied, mein rastlos Schrein und wie ich schlug an meine blut’ge Brust?“ O ja, sehr oft.

Wieder am 28.11. und im Dezember

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben