• Elektrisierend und rhythmisch brisant - Mahlers "Zweite" mit den Wiener Philharmonikern in Berlin

Kultur : Elektrisierend und rhythmisch brisant - Mahlers "Zweite" mit den Wiener Philharmonikern in Berlin

Eckart Schwinger

Die Spannung vor diesem Abend war größer als die vor manch anderem Festwochenkonzert. Denn nun trat Sir Simon Rattle erstmals als gewählter, künftiger Chefdirigent der Philharmoniker in Berlin in Aktion. Aber pikanter Weise nicht zuerst mit den Berliner, sondern mit den Wiener Philharmonikern. Das am Ende heftig bejubelte Ereignis wird in Erinnerung bleiben. Rattle brachte mit den in vorzüglicher Form musizierenden Wienern Mahlers "Zweite" zur Aufführung. Was schon insofern sehr interessant war, da er die "Auferstehungssinfonie" bereits 1991 mit dem Philharmonischen Orchester im Schauspielhaus präsentiert hatte.

Auch diesmal ging der gelernte Schlagwerker seinen Mahler mit unerhörter rhythmischer Brisanz an. Aber die dynamisch-gestalterische Spannweite, die lückenlos durchgezogene, sehr moderne Konzeption, der alles sicher zusammenfassende Griff eines perspektivischen Musizierens wirkten noch bestechender, noch stärker und auch ausgereifter. Freilich, sinnlich rauschhaft, gar romantisch verklärend wirkt sein Mahler, der nur geringe Spannungsabfälle aufwies, nie. In der herausfordernd zeitnahen, niederschmetternden "Totenfeier" wie im zart schimmernden, wundervoll transparenten "Urlicht" waren dagegen berührende Zwischen- und Untertöne zu hören, die so schnell nicht wieder loslassen werden. Dabei prasselten Rattles Einsätze wie Blitze auch auf die Wiener nieder. Die Wirkung seitens des wohl am schönsten singenden Orchesters der Welt war elektrisierend exakt, erschreckend scharf und schön bis ins kleinste Detail. Ein restlos entschlackter, sich geradezu hautnah mitteilender Mahler. Im furiosen ersten Satz bohren sich die chaotischen Sechzehntelstürme in einer noch schmerzenderen Schärfe ins Ohr als vor Jahren im Schauspielhaus. Die "Totenfeier" wirkt tatsächlich unheimlich wild, obwohl Rattle hierbei erstaunlich viele Lichtzeichen setzt. Die dramaturgischen Kulminationspunkte sind bei ihm mit Händen zu greifen, und die katastrophischen Vorboten der zweiten Wiener Schule beschwört er ganz demonstrativ. "Des Antonius von Padua Fischpredigt" gerät zu einem denkbar delikaten Spottbild mit aufrührerischen Momenten, bei dem die Wiener mit Bravour und einem Nuancenzauber sondergleichen für sich einzunehmen wissen. Auch der nach innen getragene, niemals schwelgerische Glanz der Solistinnen Juliane Banse und Birgit Remmert sowie die klangsprachlich starke Intensität des Ernst Senff Chores (Sigurd Brauns) prägen das so hellhörige wie provokativ-aggressive Mahler-Bild von Simon Rattle, das im Finale mit der überstürzenden Fülle von Visionen, Abgründen und Extremen förmlich vom Sitz reißt. Brausender Applaus.

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