Kultur : Elektrisierter Applaus

ULRICH AMLING<p />ULRICH

Theater ist eine Zumutung: Es ist von unerhörtem Mitteilungsdrang, verlangt aber, daß die Zuschauer selbst schön den Mund halten. Es will verstanden werden, teilt sich aber nur in Rätseln mit. Trotzdem soll man für das Bühnengeschehen Verständnis aufbringen. Das gilt auch für die Bayreuther Festspiele, wo man zwar immer die gleichen Opern spielt, doch die sind dafür erst recht unergründlich. Das Publikum auf dem Grünen Hügel hat sich mit der mythischen Endlosigkeit aller Wagner-Interpratationen abgefunden. Jedes Jahr erscheinen neue Aufsätze, die man, repräsentativ gedruckt, in der Festspiel-Tüte fein umhertragen kann. Ansonsten wiegen sich die Festivalbesucher in der wagen Hoffnung, das perfekte Outfit könnte dem fordernden Wesen des Theaters ein bißchen Respekt einflößen. Weit gefehlt. Sobald die Türen des Kunstschreins geschlossen werden und das Saallicht verlischt, sind vor dem sich hebenden Vorhang alle gleich: ob im Smoking oder im Knittersakko, im Abendkleid oder im Minirock. Die Bühne tut sich in ihrer ganzen Tiefe auf - und im Saal laufen die Interpretationsmaschinen heiß.So auch am zweiten Festspiel-Abend. Die Holländer-Ouvertüre peitscht ihre Gischt durch die Reihen. Eine dunkle Gestalt erklimmt einen Fels, rutscht, strauchelt, nimmt einen neuen Anlauf. Ein Sisyphos, ein Ruheloser, einer ohne Heimat. Das fahle Licht droht ganz zu schwinden. Plötzliches dunkel. Kurz darauf wird es auf einen Schlag gleißend hell im Saal: Geblendet blicken Festspiel-Augen auf die Bühne, die auf einmal verschwunden scheint. Verunsichert lauschen Wagner-Ohren nach Klängen aus den Tiefen des Orchestergrabens. Stille. Die gibt es doch sonst nie. Unruhe entsteht. Gerutsche auf den harten Sitzen, Smoking-Fliegen schwirren suchend von links nach rechts, Handtaschen werden schützend umklammert. Das ausverkaufte Festspielhaus hat sich abrupt in ein Holländer-Schiff verwandelt, 1925 hoffnungslos verlorene Akteure liefern ein gespenstisches Bild, das später mit "Panik" beschrieben werden wird. Jeder stürzt seinen Fels hinab. Das ganze dauert exakt acht Sekunden, wie am nächsten Tag zu lesen ist. Ein wirklich ergreifender Regieeinfall Dieter Dorns für seine altgediente Bayreuther Inszenierung, finden Sie nicht? Realisiert wurde er mit freundlicher Unterstützung des hiesigen Stromerzeugers, der weder Kosten noch Mühen gescheut hat und eines seiner Trafohäuschen zum Explodieren brachte. Das Publikum zeigte sich elektrisiert: Der Applaus für das überstandene Theaterabenteuer wollte nicht enden. Unbestätigten Berichten zufolge verhandelt die Festspielleitung nach diesem rauschenden Erfolg mit den Wasserwerken über eine Mitwirkung am "Ring" im nächsten Jahr.

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