Kultur : Elektronische Musik: Wenn Laptops knirschen

Eric Mandel

Seit der Anwesenheit von David Bowie, Iggy Pop und Nick Cave in Berlin hat die Stadt keinen bleibenden Einfluss auf die subkulturelle Ikonographie und Mythenbildung mehr ausgeübt. Erst Mitte der Neunziger entdeckte das Musikmagazin "Wire" in einer Kreuzberger Fabriketage eine originäre Gegenbewegung zur Love-Parade. Hier, im Plattenladen Hardwax, samt angeschlossenen Labels wie Basic Channel, Chain Reaction und Maurizio, gelang es einheimischen Produzenten erstmals seit den Zeiten, in denen der amerikanische Hip-Hop DJ Afrika Bambaataa Kraftwerk-Platten in seine Sets einbaute, einen bleibenden Einfluss auf die anglo-amerikanisch geprägte Tanzmusik auszuüben. Bis heute hält diese Tendenz an.

"Intelligent Dance Music" hat sich zu einem Markt entwickelt, der auch kleine Unternehmen finanziell trägt. Mit Einrichtungen wie dem "Leisesten Club der Welt" am Kreuzberger Spreeufer, der Konzert- und Partyreihe "Klangkrieg", der Montagsmusik im Podewil und unzähligen Kleinstclubs in Friedrichshainer Ladenwohnungen und Kunstgalerien in Mitte ist eine stabile Infrastruktur entstanden. Dieses Klima hat auch zahlreiche Künstler von "außerhalb" angezogen, wie den jungen Programmierer Jake Mandell und den unter dem Namen "Safety Scissors" auftretenden Produzenten Matthew Curry aus der Bay Area, die an die örtlichen Gegebenheiten nahtlos anknüpfen konnten. Für andere, wie Thomas Morr, der von Landsberg nach Berlin kam, war der Weg weniger weit, sollte sich aber ebenfalls auszahlen: Zu den öffentlichen Bewunderern seines Labels Morr Music gehören der Produzent Tim Simenon (Bomb the Bass), die britische Rockband Radiohead und Martin Gore von Depeche Mode, der ja selbst einige Jahre in der damals noch geteilten Stadt verbrachte. Gore lobt auch den Stil des Produzenten Stefan Betke, der eigentlich aus Düsseldorf stammt, inzwischen aber zu den erfolgreichsten Berliner Exporten gehört. Unter dem Namen Pole kreiert er, basierend auf den Knuspergeräuschen eines defekten Filters, repetitiven Strukturen und den warmen druckvollen Bässen des Dub-Reggae, einen sehr eigenständigen Stil.

Im gleichen Maße wie die elektronische Musik ihre Referenzen (Samples, Texte, Songstrukturen) verschleiert und ihre, aufs Tanzen abzielende, Funktionalität abwirft, blüht sie an Nicht-Orten auf. Jedenfalls erklärt Sound-Guru Jan Jelinek den Umstand, dass unabhängig voneinander arbeitende Musiker sich gleichzeitig für die kleinen Stör- und Nebengeräuschen zu interessieren begannen, mit dem Bedeutungsverlust lokaler Besonderheiten.

Ist die musikalische Entwicklung Resultat der von der Industrie zur Verfügung gestellten Werkzeuge? Marc Weiser vom Berliner Duo Rechenzentrum und sein Partner Lillevän wollen ihre Klangstudien darauf nicht beschränkt sehen. Sie werden als "Laptop-Musiker" bezeichnet, ohne dass Laptops tatsächlich eine große Rolle in ihrer Arbeitspraxis spielen: "Sie würden lachen, wenn ich Ihnen die alte Software zeige, auf der wir arbeiten," stellt Marc Weiser richtig, der beim Rechenzentrum für die Musik verantwortlich ist. Sein Partner Lillevän, zuständig für die visuellen Aspekte, benutzt zum Schneiden seiner Videoclips einen Amiga-Computer von 1993. "Die Filme, die ich mache, hätte ich vor zwanzig Jahren auch schon auf 16 Millimeter herstellen können. Nur dass ich damals fünf Jahre für etwas gebraucht hätte, was ich heute in zwei Tagen schaffe."

Weiser und Lillevän betrachten sich als kreative Störenfriede, die die Strukturen nutzen und mitgestalten, um sie immer wieder ironischen Überprüfungen zu unterziehen. So stellten sie - im Auftrag der Industrie - auf der Hannoveraner EXPO in einem ziemlich bizarren Umzug auf einem Sattelschlepper die Berliner Love Parade nach, samplen ihr Material, Bild wie Ton, in bester Plunderphonics-Manier von überall zusammen. Sie handeln nach der Maxime: "Eigene Regeln schreiben, unbequem sein und überall auftauchen."

Zuletzt tauchten sie - verstärkt um den langjährigen Mitstreiter und Musiker Christian Konrad - in der Show des britischen Radio-DJs John Peel auf. Der hatte sie eingeladen, eine der traditionsreichen "Peel Sessions" einzuspielen. Seit den später Siebzigern animiert Peel immer wieder Bands, ihre Musik in den BBC-Studios inerhalb eines Tages einzuspielen und abzumischen. Rechenzentrum schickten ihr Material ein. Mit etwas Anstrengung lässt es sich als Versuch lesen, der affirmativen Tendenz des gesamten Genres etwas Rohes, Rauhes entgegenzusetzen - und sich dem Eindruck zu erwehren, hier werde schlicht und einfach technischer Fortschritt gefeiert. Wenn Rechenzentrum die Techno-Idylle von Mensch und Maschine immer wieder lautstark durcheinander bringen, wird das Äußerste dessen erreicht, was innerhalb der Musik an Kritik geleistet werden kann.

Nach der kulturellen Leistungsfähigkeit der Musik befragt, versucht Stefan Betke, den Sozialcharakter der Laptop-Musik zu definieren: "Wenn Musik ein Spiegel oder ein Gegenbild sein soll, dann sieht es bei der Laptopmusik so aus: Sie stellt die Gesellschaft sich selbst gegenüber und hält sich dabei komplett raus. Oder anders gesagt", wobei er lachen muss, "es ist so unwichtig, sich ein Laptopkonzert anzusehen, dass einem, um nicht einzuschlafen, nichts übrig bleibt, als sich an die Bar zu stellen und sich zu unterhalten."

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