Kultur : Elf Doktoren

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

das Wunder der spontanen Töne

Bei Grandma’s, also im Wohnzimmer der Großmutter, steht ein Fernseher, an der Wand hängt ein Kinderfoto der beiden Enkel Branford und Wynton, und wenn man Oma Marsalis in ihrem gemütlichen Sessel anklickt, dann sagt sie, dass sie alles über die Jungen weiß. Man muss schon die Maus bemühen, wenn man etwas haben will von www.wyntonmarsalis.com . Ein Klick auf das Fernsehgerät setzt ein KonzertVideo mit der Marsalis-Band in Gang, ein Klick auf die Zeitung zu Großmamas Füßen öffnet eine Seite mit Antworten auf die Fragen, die am häufigsten zum Marsalis-Phänomen gefragt werden.

Aber das alles ist noch nicht gemessen an dem, was einen auf der Seite von Aural Oasis erwartet. Hier sind zwei Sets eines Wynton Marsalis -Konzertes vom Juni dieses Jahres zu hören, die er im New Yorker Club „Jazz Standard“ gab. Auf der WNTN/XM-Seite gibt es dann das Wynton Radio – vier Programme stehen zur Auswahl, auf classical, jazz, talk und xm gibt es Wynton satt als Musiker, DJ und Dozent. In der Murray Hall kann man sich Wyntons elf Ehrendoktorwürden herbeiklicken oder sich über sein Jazzerziehungsprogramm für Kids informieren. Klar gibt es auch CDs zu kaufen und die üblichen Tourinfos. Aber im Vergleich zu www.allaboutjazz.com , die in diesem Jahr von der amerikanischen Jazzkritikervereinigung zur Jazz-Website des Jahres gewählt wurde, ist www.wyntonmarsalis.com fast schon antikommerziell und interaktiv zu nennen: Eine unterhaltsamere Jazz-Site gibt es weit und breit nicht. Es ist höchste Zeit, den PC jetzt mindestens so weit aufzurüsten und mit der Audio-Anlage zu verbinden, dass man auch die Videos auf dieser Site anschauen und anhören kann.

Zwischen den Jahren ist doch bestimmt mal Zeit dafür. Wer lieber etwas in der Hand hält – die Wynton-Marsalis-Komposition „All Rise“ ist gerade als 2-CD-Set (Sony) erschienen.

Auf Arte läuft heute um 0 Uhr 50 ein Film, der es aus außercineastischen Gründen in die hiesigen Kinos nie so recht schaffte. Vor einigen Jahren fragte sich der spanische Regisseur Fernando Trueba, wie das Wunder wohl einzufangen wäre. Und wie lässt sich eines der größten Wunder überhaupt – die Improvisation im Jazz – beschreiben, wenn man Filmemacher ist? Trueba hat mit „Calle 54“ einen Film gedreht, der seine ganz persönlichen Stars des Latin Jazz dabei zeigt, wie sie wunderschöne Musik spielen. Darunter auch ein Comeback des argentinischen Tenorsaxofonisten Gato Barbieri, der vor 30 Jahren wichtige Grundsteine des radikalen und politisch inspirierten Latin Jazz Sounds legte, in jüngster Zeit aber mit seichtem Smooth-Gedudel enttäuschte. Hier ist er mit einer Neueinspielung von „Bolivia“ zu hören, noch einmal beschwört er die Spirits der Musik, als wolle er die Geheimnisse des Wunders preisgeben.

Wie gesagt, von dieser Absicht scheinen irgendwie alle hier auftretenden Künstler bewegt gewesen zu sein. Ob nun der Grammy-Preisträger des Latin Jazz, der kubanische Pianist Chucho Valdes, oder sein 84-jähriger Vater Bebo Valdes, ob Chico O’Farill, einer der Architekten der afrokubanischen Sounds, oder Israel „Cachao“ López, der einst den Kontrabass zu einem führenden Instrument der kubanischen Musik machte und der zusammen mit seinem Bruder, dem Pianisten Orestes, einen neuen Rhythmus propagierte: den Mambo. Mehr davon heute Nacht bei Arte.

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