Kultur : Elf Freunde sollt ihr sein

Musik wie eine Schichtentorte: das neue Album der Pop-Großformation Broken Social Scene

Nadja Geer

Es ist das Misstrauen gegen das durchformatierte Kunstwerk, das sich auf „Broken Social Scene“ so verdammt gut anhört. Das neue Album der kanadischen Indierockformation gleichen Namens wächst so eigen vor sich hin, dass man während des Zuhörens nach und nach zum Fan wird: Es gibt so viel zu hören.

Schwierig dürfte es allerdings werden, Fotos der Broken Social Scene über dem Schreibtisch zu befestigen. Bei den Kanadiern handelt es um eine dieser momentan modischen Megabands, die man auch als musikalische Plattform bezeichnen könnte. Elf Mitglieder zählt die BSS derzeit – es waren auch schon einmal fünfzehn –, und fast jedes Mitglied spielt parallel noch in einer anderen Band. Leslie Feist beispielsweise hat mit „Feist“ ihre eigene Gruppe, Amy Millan feiert gerade Erfolge mit den „Stars“, Emily Haines ist die Stimme von „Metric“, Charles Spearin spielt bei der kanadischen Postrockband „Do Make Say Think“. Selbst ein kanadischer Rapper ist auf „Broken Social Scene“ Teil des zerbrochenen Ganzen. K-Os bringt dezent und sehr spontan seinen coolen Rap ein, auf dem besten Stück des Albums, dem ausufernden Plateau „Windsurfing Nation“.

So sollte das zweite Album der BSS ursprünglich auch heißen: Windsurfing Nation. Eine zart-ironische Reminiszenz an Sonic Youth und deren legendäres Doppelalbum „Daydream Nation“ von 1988. Der Gitarrensound des New Yorker Indiekollektivs bildet dann auch die Folie, auf dem der ornamentale, fragmentarische Sound der BSS seine Runden drehen kann. Die Pixies, das ist nicht zu überhören, gehören zu den Helden der Clique; Steve Malkmus’ Wiederbelebung des Indierocks in den Neunzigerjahren mit seiner Band Pavement ist auf dem Album sogar ein Stück gewidmet. Und mit Dinosaur Jr., die die Schönheit ihrer Melodien mit brachialen Krachgewittern zu übergießen pflegten, standen Broken Social Scene schon auf der Bühne.

Der klassische Indierock ist der Humus, auf dem die Stücke dieser Pop-Bigband ins Kraut schießen. Um der aus ihm entwachsenen musikalischen Zusammenhangslosigkeit und Improvisationslust nahe zu kommen, muss man die Produktionsweise von BBS kennen – und ihren Produzenten, David Newfeld. Newfeld ist, neben den beiden Gründungsmitgliedern Kevin Drew und Brendan Canning, der wichtigste Macher der Broken Social Scene. Er ist der Mann am Computer, der bei den Aufnahmen die Fäden zusammenhält. Schließlich kommt die Band so gut wie nie vollständig zusammen, stattdessen wird mit dem Austausch von Aufnahmespuren via Internet gearbeitet. Die Stücke entstehen also an verschiedenen Orten, in einer Art virtueller Sessions: Theoretisch können Einfälle ad ultimo übereinander geschichtet werden. Praktisch auch: Auf dem neuen Album gibt es Songs mit 140 Aufnahmespuren.

Diese technische Komplexität kann das menschliche Ohr nicht mehr wirklich nachvollziehen, sehr wohl aber die räumliche Textur der Musik. So gibt es auf dem Album Bandschleifen, die wie Insekten vorbeischwirren („Finish Your Collapse And Stay For Breakfast“), sich schläfrig aus wabernden Rückkopplungen erhebende Säuselgesänge („Major Label Debut“), aber auch geradlinige Rumpelrocknummern („Fire Eye’d Boy“). BSS haben ihrem Produzenten Newfeld vertraut, der mit zwei Elementarteilchen arbeitet: Ideen und Chancen.

Ideen und Chancen sind es auch, die das Album auszeichnen, neben seinen eigenständigen Musikern – und Mut. Denn nach dem Überraschungserfolg mit dem Debütalbum „You Forget It In People“, das sich auf ihrem eigenen Label „Arts&Crafts“ über 100000 Mal verkaufte, hätte die Broken Social Scene auch den einfacheren Weg gehen können: den in den Mainstream-Postrock. Und fast hätten sie es auch getan, hätten mit den Produzenten von Modest Mouse gearbeitet und noch ein paar von diesen Pixies-artigen Ohrwürmern rausgehauen, um die Indierockgemeinde glücklich zu machen und Geld zu verdienen.

So aber ist „Broken Social Scene“ ein heterogenes und sperriges Album geworden, das den Work-In-Progress-Gedanken des Bandprojekts widerspiegelt. Wie es David Newfeld gelungen ist, die verschiedenen Sounds zu synthetisieren und trotzdem ihre Eigenständigkeit nicht zu verwischen, ist einfach kompliziert: Er folgt den Brüchen.

Das Album ist erschienen beim Label City Slang; Tournee im Dezember.

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