Kultur : Elisabeth Zöllers "Klassen-King" sorgt für Unfrieden

Ulrich Karger

In den Ferien wird Hannah beinahe von einem fremden Jungen umgefahren. Obwohl er sich nicht entschuldigt, verliebt sich Hannah in ihn. Er heißt Steffen Kuhlmann, spricht seinen Nachnamen aber wie "Coolman" aus. Tagelang fliegen in Hannahs Bauch die Schmetterlinge. Zu Schulbeginn, als Hannah ihn schon fast vergessen hat, betritt Steffen als neuer Mitschüler den Klassenraum. Bald nennen ihn alle nur noch "Coolman" und lassen ihn bestimmen, was "cool" und wer ein "Baby" ist. Das Klima in der Klasse verschlechtert sich zusehends, aber selbst die Lehrerin scheint machtlos gegen "Coolman" zu sein. Und Hannahs Mutter meint sogar noch, man müsse für den "armen Jungen" Verständnis haben.

Nach "Und wenn ich zurückhaue?" thematisiert Elisabeth Zöller in "Der Klassen-King" einmal mehr die Gewaltauswüchse im Schulalltag. Diesmal ist die Ich-Erzählerin und Heldin jedoch nicht von vorneherein Opfer. Hannah ist durchaus selbstbewusst, vermag ihrer Wut und Trauer Ausdruck zu verleihen. Aber auch sie kommt lange Zeit gegen ihre Faszination für "Coolman" nicht an. Damit hat die Autorin genau den Kern der Problematik ausgemacht. Die lähmend ambivalente Haltung, die sich aus einer eigentlich wünschenswerten, differenzierenden Betrachtung ergibt, hilft weder Opfern noch Tätern. Elisabeth Zöller vollbringt das Kunststück und lässt Hannah in altersgemäßen Gedanken das in Worte fassen, was zuweilen selbst Erwachsene sprachlos macht.

Das Ende der Geschichte bietet immerhin einen konstruktiven Lösungsansatz, der diskussionswürdig ist. In Großdruck gesetzt, empfiehlt sich der Text auch für leseschwächere Schüler der 5. und 6. Klassen, nicht aber für Drittklässler, wie es der Verlag vorschlägt. Für Lehrer ist zudem ein Begleitheft erhältlich.Elisabeth Zöller (Text), Edda Skibbe (Illustrationen): Der Klassen-King. Thienemann Verlag, Stuttgart 1999. 124 Seiten. 16,80 DM.

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