Kultur : Elite, Avantgarde und Argot

ERNEST WICHNER

Nur langsam löst sich das intellektuelle Rumänien, Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse, vom vormodernen Selbstverständnis der Ceausescu-Ära.Autoren und Debatten heute - eine ÜbersichtVON ERNEST WICHNER"In Rumänien dominiert die geradezu verklärende Vorstellung vom Schriftsteller als reinem Künstler, als einem elitären, dem Lärm des Alltags und dem Pöbel entrückten Wesen".So beschreibt der im New Yorker Exil lebende rumänische Schriftsteller Norman Manea in seinem soeben erschienenen Essayband "Über Clowns" aus leidvoller Erfahrung seine ehemaligen Kollegen.Bemerkenswert ist, daß sich daran auch in postkommunistischer Zeit nicht allzu viel geändert zu haben scheint. Manea hatte die Tagebücher des 1986 in Chicago gestorbenen rumänischen Erzählers, Religions- und Mythenforschers Mircea Eliade einer genauen Lektüre unterzogen und eine bemerkenswerte dauerhafte Übereinstimmung mit den nationalistischen Positionen des schillernden Verführers und Legionärs Nae Ionescu festgestellt sowie ungebrochene Bewunderung für Corneliu Zelea Cordreanu, den Begründer und Führer der "Eisernen Garde", einer terroristischen faschistischen Organisation. Norman Manea, 1936 in einer rumänisch- und deutschsprachigen jüdischen Familie in der Bukowina geboren, wurde 1941 im Alter von fünf Jahren aus dem mit den Deutschen alliierten Antonescu-Rumänien nach Transnistrien deportiert und "in den Tod geschickt".Er hat den Holocaust jedoch überlebt, auch die kommunistische Diktatur.Nun erlebt er, als Exilant, die Schmähungen durch seine ehemaligen Kollegen in Rumänien.Denn er hat unbequeme Fragen gestellt und damit auch daran erinnert, daß die rumänischen Schriftsteller und Intellektuellen sich mit ihren politischen Optionen häufig als nationalchauvinistisch und anfällig für die wechselnden Totalitarismen erwiesen haben. Darüber hinaus hat er den Frevel begangen, die postkommunistischen Intellektuellen an ihre moralische Verpflichtung zu einer Kritik zu erinnern, die beim eigenen Stand zu beginnen hätte.In der ersten Hälfte der neunziger Jahre, es war die Zeit des verdämmernden und lähmenden Iliescu-Regime, wurden diese kritischen Einsprüche weitgehend abgewiesen; offenbar meinte man, die notwendige Kritik an den herrschenden Demokratieverächtern erzwinge innere Geschlossenheit und erlaube keine destabilisierende Befragung der eigenen Traditionen.Also mußte Maneas Frage nach der ausgebliebenen Scham des großen Gelehrten in solidarischer Tumbheit zurückgewiesen und der Fragende zurechtgewiesen werden. Heute, nach dem 1996 erfolgten Wechsel in der Präsidentschaft, präsentiert sich das intellektuelle Rumänien etwas aufgeschlossener.Es gibt Ansätze zu einer differenzierten Perspektive auf die eigene Geschichte.Der größte literarische Erfolg der letzten Jahre ist das 1996 erschienene und seitdem mehrfach nachgedruckte "Tagebuch 1935-1944" von Mihail Sebastian (1907-1945), ein in vielen Einzelbeobachtungen mit den Tagebüchern Victor Klemperers vergleichbares Werk des rumänisch-jüdischen Dramatikers und Romanciers, der am 29.Mai 1945 bei einem Verkehrsunfall starb. In den Aufzeichnungen dieses Journals spiegelt sich die politische und intellektuelle Geschichte Bukarests aus der Perspektive des drangsalierten, ausgegrenzten und entrechteten Juden.Hier findet man Gespräche mit ehemaligen Freunden und Wegbegleitern, die sich nach und nach der antisemitischen Rechten angeschlossen haben.Das amüsiert den Tagebuchschreiber, widert ihn aber auch an.Unter dem Datum 2.März 1937 verzeichnet Sebastian, was sein Freund Mircea Eliade zum Fall des liberalen Studenten zu sagen hatte, der am Sitz der "Gardisten" mit eingeweichten Stricken verprügelt worden war: "So geschieht es den Verrätern recht.Er - Mircea Eliade - hätte sich damit nicht begnügt, sondern ihm noch die Augen ausgestochen.Alle, die keine Gardisten sind, alle, die eine andere Politik als die der Garde machen, sind Verräter und verdienen das gleiche Schicksal." Und der schockierte Tagebuchschreiber versichert, wörtlich notiert zu haben, "um nicht zu vergessen.Denn vielleicht werden sich die Dinge eines Tages so weit beruhigt haben, daß ich diese Seite Mircea vorlesen und sehen kann, wie er errötet". Der Paderborger Igel Verlag hat in diesen Tagen den wichtigsten Roman Mihail Sebastians, den zu seinem Bukarester Erscheinungsdatum 1933 heftig umstrittenen Tagebuch-Roman einer Desillusionierung und radikalen Individualisierung, "Seit zweitausend Jahren", publiziert.Im reichen Anhang zu diesem Buch, der auch die polemische Schrift M.Sebastians, "Wie ich zum Hooligan wurde", enthält, gewinnt der Leser ein umfassendes Bild von der ideologisch hochgradig kontaminierten Situation zu Beginn der dreißiger Jahre.Entscheidend für die gegenwärtigen Diskussionen ist die Auseinandersetzung mit den Autoren und Intellektuellen der dreißiger Jahre vor allem deshalb, weil jene Generation (Mircea Eliade, Emil Cioran, Constantin Noica, Eugen Ionescu, Camil Petrescu) nach wie vor als "goldene Generation", als prägend für das Selbstbild der rumänischen Intellektuellen gilt. In den finsteren achtziger Jahren gruppierten sich zahllose junge Autoren - zumeist Literaturstudenten - um etliche aufrechte Kritiker und Hochschullehrer, die in der Liberalisierungsphase zwischen 1965 und 1971 zu Ansehen gelangt waren.In halblegalen und klandestinen universitären Zirkeln profilierte sich allmählich eine junge, zwischen 1950 und 1960 geborene Autorengeneration mit einer breiten Palette literarischer Talente, Leidenschaften und Sprechweisen.Kernpunkt des neuen literarischen Paradigmas der "Achtziger" war eine Umkehrung des bisherigen modernen Textverständnisses: die Poesie der Mircea Dinescu, Elena »Stefoi, Ileana Malancioiu, Mircea Cartarescu, Ion Bogdan Lefter hatte sich polemisch-subversiv als realitätstüchtig zu erweisen, der literarische Text sollte ästhetisches Erkenntnismittel sein, dessen Referenzgröße die Person des Autors abzugeben hatte.Die zaghafte, leicht klassizistisch angehauchte Moderne der älteren Generation wurde in wohlkalkulierten autobiographischen, alltagspoetischen und trivialisierenden Stilbrüchen aufgesprengt und postmodernen Sprechweisen geöffnet. Mircea Cartarescus großer, romanhaft komponierter Erzählungsband "Nostalgia", im letzten Herbst in deutscher Übersetzung erschienen, stellt fast schon so etwas wie den wuchtigen Schlußstein über diesem literarischen Gebäuden dar.Die Meisterschaft seines Erzählens hebt das flirrend Lebendige, das Substrat des Alltäglich-Banalen auf in eine Sphäre schönen (das heißt auch: melancholischen) ästhetischen Scheins.Es verabschiedet und bewahrt aber zugleich das Vexierbild einer Epoche, in der Nostalgie in schier phantastischer Überhöhung noch zu helfen versprach. Die neue Generation, nach dem wahrlich nicht von den Intellektuellen herbeigeführten Sturz des Diktators hervorgetreten, wendet sich mit einiger Heftigkeit gegen ihre mittlerweile auch international geschätzten Vorläufer.Als "Generation der Neunziger" appellieren sie zwar in der Namenswahl an ihre berühmteren Vorläufer, unterschreiten deren ästhetische Konzepte jedoch bewußt durch die demonstrative Hinwendung zum Kruden, zum Argot und zur Gaunersprache.Caius Dobrescu (geboren 1966) erklärt das luxuriöse postmoderne Poetisieren seiner älteren Kollegen für moralisch fragwürdig, weil es nicht den realen Verhältnissen im Lande entspreche und optiert für einen sozialen Realismus.Daniel Banulescu (geboren 1960) hingegen entscheidet sich zugunsten einer neuen Wahrhaftigkeit für den umgangssprachlich und bewußt aliterarisch geschriebenen Schelmenroman. Die Gedichte dieser Jahre scheinen keine Gedichte werden zu wollen, sie erzählen in weitschweifiger Alltagssprache vom Wohnküchenmief, von gescheiterten Beziehungen und verratenen Träumen: "Morpheus in Stücke gerissen", lautet der Titel der von Dan-Silviu Boerescu herausgegebenen Anthologie der "Neunziger".Würde sie ins Deutsche übersetzt, läse sie sich vermutlich wie eine treuherzige Replik auf die Dichtungen der "Neuen Sensibilität" der siebziger Jahre, die ohne die amerikanische Beat-Generation, die Pop- und Underground-Poeten des Jahrzehntes davor nicht denkbar gewesen wären. Die aktuellste und neueste rumänische Gegenwartsliteratur auf ihrem höchsten ästhetischen Niveau mag der geneigte Leser in dem soeben in Oskar Pastiors Übersetzung im Amman Verlag erschienenen Gedichtband des 1915 geborenen surrealistischen Poeten Gellu Naum sich lesend selbst aneignen.Sie bedarf meiner Erläuterungen nicht, denn sie ist von einer Souveränität, die einem die Sprache verschlägt - große europäische Dichtung, wie sie bloß in Ausnahmefällen möglich ist.Jahrzehntelang von Zensur, Marginalisierung durch vorlaute Halb-Dichter und Funktionärsignoranz behindert und in seinem Rang herabgesetzt, hat dieser mit ersten Publikationen in den dreißiger Jahren hervorgetretene Dichter sich eine Produktivität und ein Gespür für Qualität erhalten, die nicht nur in der rumänischen Literatur einmalig sein dürften. Der Autor, rumänien-deutscher Herkunft, hat sich als Lyriker einen Namen gemacht und ist gegenwärtig stellvertretender Leiter des Literaturhauses Berlin.

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