Elliott Carter, Komponist : "Musik kann uns gefährlich werden"

Elliott Carter ist im Dezember 100 geworden. Heute feiert ihn die Staatskapelle Berlin. Ein Gespräch mit dem Komponisten über das Alter, das Leben und Erinnerung.

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Foto: David Holloway/Getty Images

Mr. Carter, was finden Sie exotischer: 100 Jahre alt zu sein oder ein Komponist des 21. Jahrhunderts?



Ich denke weder über das eine noch über das andere nach. Ich arbeite, ich mache jeden Tag meinen Spaziergang, ich sehe Freunde, ich gehe aus. Also, ich kann absolut nichts Exotisches an mir finden.

Fühlt sich Ihr Leben lang an?

Ich weiß nicht, nein. Ich war schon immer schlecht mit Zahlen. 1964 zum Beispiel bin ich das erste Mal länger in Berlin gewesen. Ich kann mich an viele Details dieses Aufenthaltes erinnern, aber ich kann Ihnen nicht genau sagen, wann dieses oder jenes war. Ich weiß, dass ich gerne im Berliner Ensemble oder in der Komischen Oper war. Für die Länge der Zeit zwischen 1964 und heute aber habe ich kein Gefühl. Da sind Bilder in meinem Kopf, viele Bilder, aber keine Zeitleiste.

Die Erinnerung arbeitet nicht linear.

Nein, eher räumlich. Wie eine Bühne mit Haupt- und Seitenbühnen und einem Schnürboden – und einem Orchestergraben für das Unbewusste. Und alles ist immer in Bewegung.

Was ist Ihre früheste Erinnerung?

Am Tag, als der Erste Weltkrieg ausbrach, ist mir ein Goldfischglas heruntergefallen und in tausend Scherben zersprungen. Was die Musik betrifft, ist mein Gedächtnis diffuser. Lange bevor ich lesen konnte, wusste ich, welche Musik in welcher Schallplattenhülle bei uns zu Hause steckte. Meine Klavierstunden hingegen habe ich gehasst. Der Knoten ist dann erst geplatzt, als mich ein Musiklehrer mit zu Charles Ives und Edgar Varèse nahm, der später bei mir um die Ecke wohnte. Apropos exotisch, das ist vielleicht wirklich ungewöhnlich: Ich bin durch die zeitgenössische Musik zur Musik gekommen.

Haben Sie sich jemals als amerikanischer Komponist gefühlt?

Schauen Sie, in den USA existiert keine öffentliche Förderung von Neuer Musik. In Europa gehört es zum guten Ton, einen Namen wie Karlheinz Stockhausen schon einmal gehört zu haben. Unser Radio ist rein kommerziell, es macht Reklame für Katzenfutter, in Europa spielt man Neue Musik! Und in Amerika schreibst du als Komponist entweder Unterhaltungsmusik, dann kannst du damit viel Geld verdienen, oder du versuchst herauszufinden, was dich wirklich interessiert. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden.

Sie haben von Ihrer Musik immer leben können.

Ein Teil meines Erfolges liegt sicher darin, dass ich nie ans Publikum gedacht habe, sondern immer an die Interpreten. Das Publikum ist, als Gruppe betrachtet, weder interessant noch sonderlich intelligent. Der Avantgarde-Spezialist sitzt neben dem Neue-Musik-Hasser. Welches Werk sollte beide glücklich machen? Bei meinen Interpreten hingegen weiß ich das ziemlich genau. Es ist wichtig, was Arnold Schönberg forderte: Neue Musik muss so gut wie nur irgend möglich gespielt werden.

Haben Sie Ihr zweites Klavierkonzert in diesem Sinne dezidiert für Daniel Barenboim, James Levine und das Boston Symphony Orchestra geschrieben?

Insofern das Ganze Daniels Idee war, ja. Er hat sich dann Jimmy Levine gewünscht, der zu mir sagte: Wenn das ein typisches Konzert wird, in dem das Orchester nur begleitet, dann ist das nicht gut für uns. Also habe ich kein typisches Konzert komponiert, nicht die übliche Auseinandersetzung zwischen Individuum und Kollektiv. Das Stück heißt „Interventions“, das heißt, das Klavier und das Orchester fallen sich permanent gegenseitig ins Wort. Es wird kreativ verhindert, dass ein Gedanke wirklich zu Ende gedacht wird. Das kann sehr lustig sein.

Man teilt Ihr Oeuvre gern in die so genannte neoklassizistische Phase ein, die abstrakte und die des Spätwerks. Wie viele Carters gibt es?

Natürlich nur einen, das ist doch alles Quatsch! Nein: Zwei Elliotts gibt es natürlich. Der eine komponiert, der andere tut das nicht. Sobald ich komponiere, bin ich ein anderer Mensch. Peinlich genau, sehr skrupulös, fast unerbittlich. Das ist sonst nicht mein Charakter.

Was komponieren Sie heute?

Ich habe keine Geduld mehr für längere Sachen. Ich muss schnell fertig werden, das ist wichtig. Und Miniaturen können ja sehr schön sein.

Worin liegt die Macht der Musik?

Sie macht uns glücklich mit uns selbst. Sie gibt uns das Gefühl, lebendig zu sein. Sie zeigt uns fremde Welten. Sie kann uns gefährlich werden. Nicht so sehr politisch, das halte ich für eine Illusion, aber emotional.

Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey. Elliott Carter feierte im Dezember seinen 100. Geburtstag. Am heutigen Montag um 20 Uhr spielt die Staatskapelle Berlin Elliott Carters „Interventions“ in der Philharmonie. Der Solist ist Daniel Barenboim, es dirigiert Pierre Boulez.


ELLIOTT CARTER, geboren am 11. Dezember 1908, lebt als Komponist in New York. Er gilt als Nestor der amerikanischen modernen Musik und gewann zweimal den Pulitzer-Preis.

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