Kultur : Emanzipation ist tanzbar

Frauen im HipHop: Auch auf der 14. Kölner Popkomm bleiben sie eine Minderheit

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Von Claudia Cosmo

„Huch, da gleitet mein Shirt über meinen Kopf...! Huch, da fällt mein Rock an meinen Beinen herunter...“ Die Sängerin Tweet, neueste Entdeckung von HipHop-Königin Missy Elliott, singt von ihrer Entblößung, die man im Video zu „Ooops (oh my)“ dennoch nicht zu sehen bekommt. Und Tweets Mentorin Missy, wie üblich in einem Hosenanzug-Panzer verschanzt, hält ihre Arme und Fäuste wie ein Boxer vor den Oberkörper und versetzt der Luft Kinnhaken. Eine klare Geste an alle „Gansta-Rapper“: „Don’t diss me – beschimpf mich nicht.“ Missy Elliot zählt neben Queen Latifah und Lauryn Hill zu den etablierten Damen des HipHop. Davon gibt es wenige in dem von Männern dominierten Business.

Wenn am heutigen Donnerstag zum 14. Mal die internationale Popkomm-Musikmesse in Köln eröffnet wird, wundert es, dass sich keine der 36 Diskussionsrunden mit dem Thema „Frauen im HipHop“ beschäftigt. Unter Musikexperten hat sich die eher indifferente Meinung etabliert, dass man über sexistische Tendenzen im Hip Hop schon ewig rede – und überhaupt: Sex sells. Aber dass die schwierige Position der Frauen im Hip Hop-Geschäft mittlerweile bekannt ist, entschuldigt die Ignoranz gegenüber dem Thema noch lange nicht.

Schaut man sich die aktuellen Hip Hop-Videos an, so scheinen derbe Texte und nackte Frauen-Haut besonders in US-Produktionen salonfähiger zu sein denn je: Nahaufnahmen von im Wonderbra exponierten Silikonbrüsten und geschüttelten Hintern. Dazu passend: rotzig gerappte Liedstrophen von breitbeinig gehenden HipHoppern.

Für Rapper wie Ludacris, Nelly oder Ja Rule sind Frauen sowieso nur „chicks - Hühner“, die in einschlägigen Videos ihre Federn lassen. Rebellische Frauen werden mit Rapzeilen wie diesen eingeschüchtert: „Beweg’ dich, Schlampe, geh’ aus dem Weg, beweg’ dich...“ „Wir nennen sie nur noch Bootie-Videos. Ich glaube, dass der durchschnittliche Mann gern ein gutes Stück Hintern sieht,“ meint der Rapper Wyclef Jean.

HipHop-Videos spielen oft in weißen viktorianischen Villen, in denen Mädels in knappen Bikinis auf Rapper wie P. Diddy warten. In viktorianischen Villen zu residieren bedeutet, anerkannt zu sein und es auch als Afroamerikaner bis in die reichen Vororte geschafft zu haben.

Die HipHop- Jungs sind clever: Ihre Musiktracks sind geschickt arrangiert und verkaufen sich gut. Da entschuldigt man schnell mal ein paar herausquellende Brüste oder die lyrischen Ergüsse von dem aus New Orleans stammenden Rapper Mystikal. In seinem Song „Shake ya ass“ stellt er klar: „Ich kam hier hin mit meinem Schwanz in der Hand... du Schlampe...“ Kenner des Geschäfts lesen zwischen solchen Zeilen eine implizite Darstellung der Frau als lockende Venus heraus. Aber djass Rapper subtil agieren und alla Botticelli in Allegorien rappen, ist wohl ein Mythos, den die Bildsprache der Videos widerlegt. So zeigt die US- Formation Clipse, die vom gegenwärtig bedeutendsten Produzententeam Neptunes unterstützt wird, sich in ihrem aktuellen Video „Grindin’“ in starker Pose: Ein Rapper hebt mit geballter Faust seinen Arm im rechten Winkel nach oben. Es folgt ein harter Bildschnitt, und man sieht eine Frau aus der Froschperspektive mit breit gespreizten Beinen. Wo ist da der subtile Ansatz?

Die deutsche HipHop-Band Massive Töne beamt die US-Ghetto-Welt auf BRD-Niveau herunter: als „Stuten“ bezeichnete Frauen, die sich in Leder-Bikinis an deutschen PKWs räkeln. Das Spiel mit der US-„Video-Ass-thetik“ wird als Ironisierung verstanden. Aber auch diese ist nur ein weiterer HipHop-Mythos: Denn die Videos funktionieren nicht auf einer zweiten, sozialkritischen Ebene. Das wäre so, als wenn man Stefan Raab und seiner Sendung „TV Total“ eine medienkritische Ambition zusprechen würde.

Rapperinnen wie Eve oder Lil’Kim wollen es ihren männlichen Kollegen mit gleichen Mitteln heimzahlen: Beide setzen – um es in Plattenlabel-Sprache zu formulieren – auf „brutale Ehrlichkeit zum Ausdruck“, zeigen sich in knappsten Outfits und hetzen mit rüden Rap-Reimen. So skandiert Eve in „Gansta Bitches“: „Ich muss das Kätzchen glatt halten, wenn mein Typ nach der Muschi fragt, dann ist sie gut und nass.“

Emanzipation im Hip Hop-Business, auf den Weg gebracht mit verbalen Mitteln, die dem degoutanten Jargon der Rapper entspringen? Ein Befreiungsversuch, der fehlschlagen muss und der in „Gravel pit“, einem Video des Wu Tan Clans, seine bildliche Entsprechung findet: Eine Frau, mit Tanga und knappem Bikinioberteil bekleidet, windet sich an allen Vieren gefesselt im Takt der Musik und eröffnet einen freizügigen Blick auf ihren Unterleib.

Ist es überhaupt möglich, sich als Frau im HipHop-Geschäft durchzusetzen, ohne den obligaten Rollenmustern zu entsprechen? Missy Elliott ist es gelungen, sich auch ohne Körpereinsatz einen n zu machen, da sie einen neuen Musikstil kreiert hat. Sie mischt ethnische Elemente mit Disco, Soul oder Funk, liebt akustische Experimente, dennoch bleibt ihre Musik immer tanzbar.

Die Kölner Popkomm-Filmreihe präsentiert außerdem eine Dokumentation von Petra Mäussnest über deutsche Rapperinnen, die nicht zum Spielball ihrer männlichen Kollegen werden wollen. Der Dokumentarfilm „Will einmal bis zur Sonne gehn“ (Filmhaus Köln, 17.8., 20 Uhr; auf 3sat am 25.8., 21.15 Uhr) begleitet die Hip Hopperinnen Cora E., MC Nina und Pyrania bei ihrem Versuch, sich als Frauen im Dschungel des HipHop-Geschäfts durchzusetzen.

Derweil drängen sich US-Hip Hopper wie Ja Rule, Fat Joe oder Nas in andere Musikgenres hinein und rappen in Videos von Mary J. Blidge oder von Jennifer Lopez. Und auch dort werden die Röcke immer kürzer oder die BHs immer knapper. Und Jennifer Lopez posiert breitbeinig in der Bronx auf einem Gartenstuhl.

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