Emil Nolde : Dunkle Gespenster aus heißer Hölle

Von zart bis zäh: „Die Graphik des Malers“ zeigt eine weniger bekannte Seite des Brücke-Meisters Emil Nolde.

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Überlebender. Der angebrannte Holzschnitt „Anders“, 1906. Foto: Nolde Stiftung Seebüll
Überlebender. Der angebrannte Holzschnitt „Anders“, 1906. Foto: Nolde Stiftung Seebüll

Das wird doch wohl kein schlechtes Omen sein? Zur neuen Ausstellung in der Berliner Dependance der Nolde-Stiftung gibt es keinen eigenständigen Katalog – nach einer imposanten Serie von sieben durch exzellente Publikationen begleiteten Ausstellungen, mit der die Dependance in der Jägerstraße das Werk Emil Noldes seit ihrer Eröffnung im Herbst 2007 beleuchtet hat. „Die Graphik des Malers“, die diesmal an der Reihe ist, war allerdings vor elf Jahren bereits im hiesigen Brücke-Museum zu sehen, begleitet von einem hervorragenden Buch. Anders ausgedrückt: Es gibt seither keine neuen Erkenntnisse.

Wohl aber die Lust, diese Arbeiten erneut zu sehen. Noldes grafisches Werk steht im Schatten seiner Malerei; naturgemäß, muss man sagen, denn der Künstler hat für sich selbst festgestellt: „Die Farbe ist mein Element.“ Und die kommt nun einmal in Öl auf Leinwand kraftvoller zum Ausdruck. So hat Nolde-Stiftungsdirektor Manfred Reuther auch in die gegenwärtige Ausstellung etliche Gemälde eingefügt, die den engen Bezug der künstlerischen Medien bei Emil Nolde sinnfällig machen.

Am schönsten am Schluss des Rundgangs, wo das Gemälde der „Mühle“ von 1924 hängt und ihm benachbart Lithografien wie „Mühle am Wasser“, die Nolde zwei Jahre später schuf, nachdem er sich zehn Jahre lang nicht mehr mit der Grafik beschäftigt hatte. Die Grafik fällt bei Nolde in die expressionistische Zeit der zehner Jahre, von den biblischen Themen um 1910 bis zu den „Kerzentänzerinnen“, die er mitten im Krieg nach dem 1912 entstandenen, bereits in der Nolde-Dependance gezeigten Gemälde schuf, wie an der seitenverkehrten Darstellung des Holzschnitts erkennbar ist.

Erscheint die Grafik als abgeleitet gegenüber der originären Malerei, so ist die kleine Serie der Hamburger Hafenansichten von 1910 ganz und gar auf das grafische Medium konzentriert. Die Radierungen – insgesamt entstehen beinahe 20 – sind von einer überraschenden Zartheit, die doch gleichwohl das Schwarz der qualmenden Schiffsschornsteine und das Dunkel der im Hafengebiet gleitenden Segler adäquat wiedergibt. Nicht die Großartigkeit des Seehandels wird beschworen, die zur Entstehungszeit 1910 landauf, landab gefeiert wurde, sondern das urtümlich Dräuende, Bedrohliche dieser Wasserwesen, als die die Schiffe auf dem Papier erscheinen.

In seinen farbigen Grafiken probiert Nolde immerzu wechselnde Zustände aus, andere Farben, nachgearbeitete Platten und Druckstöcke. Es ist der Ehrgeiz der Nolde Stiftung, diese unterschiedlichen Zustände, von denen bisweilen nur ein einzelnes Blatt existiert, möglichst vollständig zu erwerben. Die Zerstörung von Noldes Berliner Wohnatelier durch eine Brandbombe hat im Februar 1944 fast seinen gesamten Grafikbestand vernichtet, darunter etliche Zustands- und Probedrucke. Doch nicht ganz: Einige wenige Blätter konnte Nolde, vom Feuer angesengt, aus den Trümmern retten. Er hob sie auf, zog sie sogar auf und betrachtete sie als gewissermaßen eigenständige Werke. „Die angeschwärzten Graphiken, auf weiße Kartons gelegt, wirkten bisweilen wie dunkle Gespenster, aus glutheißer Hölle kommend“, sagte Nolde über die geretteten Werke. Nicht weniger als acht dieser „Kriegstrümmer“ sind in der Ausstellung zu sehen, und tatsächlich sind die versengten Ecken und das hitzegebräunte Papier integraler Bestandteil der Blätter geworden. Man denkt an Picassos Wort, „Ich suche nicht, ich finde.“ Nolde hat immerzu gefunden, und sei es in den Trümmern seines Ateliers.

Nolde Stiftung Berlin, Jägerstr. 55, bis 30.1., tägl. 10–19 Uhr. Am Donnerstag, 9. 12. um 19 Uhr, stellt Manfred Reuther, Direktor der Nolde Stiftung Seebüll, sein Buch „Emil Nolde“ vor (DuMont Verlag, 78 €).

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