Kultur : "Emil und die Detektive": Die beste aller möglichen Welten

Kerstin Decker

"Emil" heute gegen "Emil" damals: Welch ein Duell. Franziska Buch gegen Billy Wilder, der noch Billie hieß, als er seinen "Emil" fürs Kino schrieb (1931). Die Kästner-Idee, Emil von der Ostsee nach Berlin mit dem Zug fahren zu lassen, war genial. So haben wir diese alten, wunderbar zufällig-absichtsvollen Berlin-Bahnhof-Zoo-Bilder, denen Franziska Buch fast nichts entgegenzusetzen hat. Denn viel mehr als fast nichts ist da nicht, architektonisch gesehen.

Nun mag man das Interesse der Zielgruppe an historischen Stadtansichten skeptisch beurteilen. Und den Blick der ganz Jungen auf die Kinder von vor siebzig Jahren gleich mit. Ja, die waren anders. Man hat immerzu Angst, dass sie gleich einen Knicks machen. Nicht nur Pony Hütchen, auch Gustav mit der Hupe. Sogar Emil. Hatte Emil nicht überhaupt verdächtige Ähnlichkeit mit Heintje? Von der deutschen Nachkriegsfassung und dem amerikanischen Versuch gar nicht zu reden. Nein, dann doch lieber richtig obercoole Kids von heute. Kids, also eher Typen statt Individuen, wie man das von den Erwachsenen kennt?

Franziska Buch ("Verschwinde von hier") hat Emils Bande im Geiste der Jahrtausendwende neu erfunden. Die meisten sehen aus, als würden sie auf der Straße leben, nicht nur die elternlosen Skateboard-Zwillinge Fee und Elfe. Sie rennen durch Berlin wie eben noch Franka Potentes Lola. Trotzdem ist die Bande entschieden emanzipatorisch gestimmt, also multikulturell, demokratisch und klassenübergreifend, was man an der Mitgliedschaft des jungen türkischen Breakdancers Kebab sowie des Zigeunerjungen Gypsi erkennt. Hinzu kommt ihre sympathische Freundschaft mit den Kindern der Besserverdienenden, hier vertreten durch den Designermarken- und Kreditkarteninhaber Dienstag. Ja, Franziska Buch hat alles gegeben. Gegeben? Genommen. Sie hat alles, die ganze Wirklichkeit, püriert und in ihren Film hineingetan.

Emil wohnt noch immer in so einem kleinen Nest an der Ostsee, das liegt inzwischen tief im Osten, was ungemein gut ist für den sozialkritischen Ansatz. Der ist nämlich unverzichtbar für einen Film, in dem "alles" vorkommt. Bei Kästner und Wilder hatte Emil noch eine Mutter mit Frisiersalon, und er fuhr auch nicht aus Not nach Berlin, sondern weil er Ferien hatte. Mitten in der Weltwirtschaftskrise! Das war unverantwortlich von Kästner/Wilder. Jetzt liegen die Dinge anders.

Emils Vater (Kai Wiesinger) ist der beste aller möglichen Väter. Er kann alles, vor allem Lenkdrachen bauen und Extra-Geburtstags-Burger machen. Aber Emils Vater ist alleinerziehend, arbeitslos und pleite. Deshalb muss der lang gewünschte Kinobesuch zu Emils Geburtstag ausfallen. Kai Wiesinger kann ihn wirklich spielen, den besten aller möglichen alleinerziehenden, arbeitslosen Ost-Väter ohne Geld. Aber dann die irre Vater-Freude über den völlig unverhofften Job als Staubsaugervertreter! Andererseits: Wie unverantwortlich, noch immer Langzeitarbeitslose mit nagelneuem Staubsaugervertreter-Vertrag in der Tasche Auto fahren zu lassen! Unfall. Vor Freude. Führerschein weg. Neue Arbeit weg. Papa ins Krankenhaus. Sohn nach Berlin. So ist das Leben im Osten.

Nachzutragen bleibt, dass Emil (der beste aller möglichen Söhne: Tobias Retzlaff) zu Hause einen allerbesten Freund hat, der Algerier ist (!), Emil helfen wollte und dabei sofort von der Polizei gefasst wurde. Nachsicht für Hassouna!

Und jetzt kommt die Zugfahrt. Dieser Emil fährt nicht wie sein Vorgänger zum Spaß nach Berlin, sondern um seinem Vater eine neue Fahrerlaubnis zu kaufen. In Berlin, weiß Emil, kann man nämlich alles kaufen, nicht nur russische Atombomben an jeder Straßenecke, auch Fahrerlaubnisse. Auftritt Max Grundeis, Gauner und Hoteldieb - Jürgen Vogel. Noch nie hat Jürgen Vogel seine eigenwillige Zahnstellung so überzeugend rollengemäß einsetzen können. Im Grunde gelingt ihm fast alles, aber seltsam - die Szene, die noch bei Wilder so dämonisch-unbestimmt war, läuft hier in nüchternster krimineller Geradlinigkeit ab. Sogar die Hoteldiebe und Trickbetrüger haben ihre Aura verloren.

Damit fehlt dem Film sein tragendes atmosphärisches Moment: das unwillkürliche Schaudern, die Furcht der Kinder vor dem bösen Mann. Was ist schon Jürgen Vogels Eckzahn-Coolness gegen Pony Hütchens Hip-Hopper-Bande? Ach ja, Pony. Emanzipationsbedingt musste Gustav mit der Hupe die Bandenführung an Pony Hütchen (souverän: Anja Sommavilla) abgeben. Vielleicht hätte Gustav das ja auch gar nicht geschafft mit einer Multikulti-Kinder-aller-Schichten-vereinigt-euch-Bande. Ist doch mehr was für Mädchen, so das Versöhnende?

Kästners leise Abgründe für Kinder und solche, die es bleiben wollen, sind zugeschüttet. So finden wir uns verbunden im Streben nach Gerechtigkeit und einer viel schöneren Welt, sogar in Meckpomm. Gottseidank gibt es als Gegenmittel Maria Schraders Pastorin Hummel (mit voll ausgebildetem Helfersyndrom) und deren grundsympathischen Sohn Gustav (David Klock). Den bekennend Uncoolen, Unsentimentalen, Weltverbesserungsunwilligen, allen Originalkästnerianern sowie zu Nörgelei neigenden Filmkritikern sei von diesem "Emil" trotzdem abgeraten. Den Kindern auf der Pressevorführung dagegen hat er prima gefallen, schon weil sie hier überzeugend über die Erwachsenen siegen. Aber tun die Kinder das nicht sowieso?

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