Emma Clines Roman "The Girls" : Mansons Mädchen

Die Verzweiflung der Pubertät: Emma Clines Roman „The Girls“.

Carolin Haentjes

Sommer 1969. Der Vietnamkrieg ist in vollem Gange, die Hippies bilden die Gegenkultur, Neil Armstrong landet auf dem Mond. Die 14-jährige Evie beschäftigen andere Dinge. Ihre geschiedenen Eltern kommen mit neuen Partnern an, im September soll sie auf ein Internat gehen. Die bürgerliche Umgebung ist ihr zu eng, und die schrecklich langen Sommertage vertreibt sie sich mit ihrer Freundin Connie. Make-up testen in Tages-, Nacht- und Kunstlicht. Melancholische Songs hören und sich vorstellen, die Frau zu sein, die besungen wird. In der Garage bei den großen Jungs abhängen und hoffen, gesehen zu werden.

Bis sie eines Tages diese anderen Mädchen im Park sieht: „Die Sonne stach durch die Bäume wie immer (...), aber die Vertrautheit des Tages wurde gestört von der Bahn, die die Mädchen durch die normale Welt zogen. Geschmeidig und gedankenlos wie durch das Wasser gleitende Haie.“ Evie ist gebannt. Wie „Fürstinnen im Exil“ erscheinen ihr diese Fabelwesen, die im Müll nach Essbarem suchen. Ihr lautes Lachen hallt in ihr nach wie eine erste Ahnung von dem abgründigen Rausch, der ihr bevorsteht.

Die „Girls“, die Evie im Park sieht und Emma Clines Debütroman den Titel gegeben haben, sind angelehnt an die Manson-Mädchen, die jungen Frauen, die den größten Teil der „Family“ von Sektenführer Charles Manson ausmachten. Im Sommer 1969 begingen sie eine Reihe von Ritualmorden. In zwei Nächten richteten sie sieben Menschen hin, darunter die hochschwangere Schauspielerin und Polanski-Freundin Sharon Tate. Mit dem Blut der Opfer schmierten sie Botschaften an die Wände. Die Morde sind ein populärer Mythos geworden: Wie kam es zu der Grausamkeit und Kaltblütigkeit dieser Mädchen? Was hielt sie zusammen, was band sie an Manson? Emma Cline, 1989 geboren und nördlich von San Francisco aufgewachsen, sucht die Antwort nicht so sehr in den Verführungskünsten Mansons, sondern in der Verzweiflung pubertierender Mädchen. Ihre Malaise bildet das Epizentrum des Romans.

Jemand soll sagen, was gut an mir war

„Ich wartete darauf, dass jemand mir sagte, was gut an mir war. Später fragte ich mich, ob das der Grund dafür war, dass es auf der Ranch viel mehr Frauen als Männer gab. All die Zeit, die ich darauf verwendet hatte, mich vorzubereiten, die Artikel, die mich gelehrt hatten, dass das Leben eigentlich nur ein Wartezimmer war, bis einen jemand bemerkte – diese Zeit hatten die Jungs damit verbracht, sie selbst zu werden“, beschreibt Evie rückblickend ihren verzweifelten Wunsch, geliebt und begehrt zu werden. Wie existenziell dieses Gesehen-Werden ist, verstehen nur andere Mädchen. Aber weil sie auch Konkurrentinnen um die männliche Aufmerksamkeit sind, ist die Beziehung zu ihnen korrumpiert: zu Evies Freundin Connie, zu der jungen Partnerin ihres Vaters, sogar zu ihrer Mutter, die ihren zweiten Frühling erlebt.

Auf der Ranch der „Family“ findet Evie eine Gemeinschaft, die sich gegen den Rest der Welt verschworen hat: Wie ein „Waisenhaus für verdorbene Kinder“ kommt ihr die hippieske Kommune vor, das Drogen- und Sex-Leben dort. Manson alias Russell Hadrick herrscht hier wie ein Gott. Aber Evie sucht seine Anerkennung vor allem, um zu diesen Mädchen zu gehören, die sich über das normale Mädchen-Dasein erhoben haben und die eine schwesterliche Intimität verbindet. Sie alle schlafen mit Russell, teilen ihre Klamotten, vergleichen ihre Schönheit nicht, pfeifen auf Hygiene. Sie spielen mit ihrer Sexualität und wissen sie als Machtmittel einzusetzen. Je mehr Zeit Evie dort verbringt, desto mehr wird sie selbst so ein furchtloses, wildes Mädchen, entfremdet von ihrer alten Realität: Sie bestiehlt ihre Mutter, hat Sex mit älteren Männern, wühlt selbst im Müll. Und sieht sich eines Tages in das Haus ihrer Nachbarn einbrechen – einfach, weil sie die Macht zu terrorisieren genießt.

Augenmaß und poetische Präzision

Mit viel Augenmaß und poetischer Präzision hat Cline ihr Debüt als psychologisches Drama komponiert. Es erzählt die ältere Evie, die mit ihren Erfahrungen, ihrer Fantasie und der vermeintlichen Reife ihrer Jahre das Erleben der 14-Jährigen reflektiert. Aber auch Jahrzehnte später kann Evie die Ereignisse nicht einordnen. Immer wieder taucht sie ein in ihre Erinnerungen, in den Strom sinnlich-schillernder Bilder und fragt sich, wie weit sie gegangen wäre. Vor allem, um Suzanne, einer der Älteren, nah zu sein. Suzanne mit ihrer kaputten Schönheit. Suzanne, die sich als die Wahnsinnigste und Brutalste von allen entpuppt.

Clines Roman wird von einem Sagan’schen „Bonjour-Tristesse“-Gefühl durchzogen, einer trägen, weltabgewandten Haltung. Konsequent erklären kann „Girls“ die Gewalttaten der Mädchen nicht. Aber sie dienen ohnehin nur als Schablone, um eine zeitlosere Geschichte zu erzählen über die Bodenlosigkeit der Pubertät, die Abgründe des Begehrens, die Grenze zwischen unerträglicher Normalität und untragbarem Wahnsinn.

Emma Cline: The Girls. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser Verlag, München 2016. 348 Seiten, 22 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar