Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes : Von der Sehnsucht nach Sinn

Nietzsche lesen – und doch den Glauben finden: Emmanuel Carrères Buch „Das Reich Gottes“.

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Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes.
Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes.Bild: Promo

Der Pariser Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur Emmanuel Carrère verwendet seit etlichen Jahren ein literarisches Konzept, das die gängigen Gattungsdefinitionen ignoriert. Schon in seinen Texten „Amok“ (2000), „Ein russischer Roman“ (2007), „Alles ist wahr“ (2009) oder „Limonow“ (2011) näherte er sich historischen und lebenden Personen sowie kulturhistorischen Strömungen aus der Ich-Position, machte die subjektive Perspektive des involvierten Zeugen zu seinem Erkennungsmerkmal.

Auf den ersten Blick könnte man sein neues Buch, „Das Reich Gottes“, als eine exemplarische Untersuchung des Verhältnisses des Abendlandes zu seiner Religion betrachten. Doch es geht in Wirklichkeit um eine komplizierte Spurensuche nach den Quellen des christlichen Glaubens, die mit der Darstellung der Lebenskrisen des Autors und einer historischen Neuverortung der Biografien von Paulus und Lukas verbunden ist. Obwohl die Übersetzerin Claudia Hamm als Theaterregisseurin ein besonderes Gespür für den Umgang mit dem subjektiven Sprachgestus des Autors entwickelt hat, brachte das neue Werk dennoch überraschende Anforderungen, wie sie im Nachwort der deutschen Fassung (das man unbedingt zuerst lesen sollte) erläutert.

Allein der Umgang mit den zahlreichen Bibelzitaten erwies sich als ein großes Problem. Eine Übersetzung von Bibelstellen, die ja Produkte aus hebräischen, aramäischen, griechischen, lateinischen und neueren nationalsprachlichen „Überschneidungen, Ausradierungen und Neufassungen“ sind, ist zugleich eine Frage der Deutung. Carrère selbst erklärte, dass er sich bei seinen eigenen Übersetzungen „eine Freiheit herausgenommen“ habe, die an Sorglosigkeit“ grenze und empfahl Claudia Hamm die gleiche Methode: „Mach verschiedene Versuche und schau, was dabei herauskommt, fühl dich dabei selbst auch ganz frei.“

Der Evangelist Lukas ist Historiker, Chronist und Reporter zugleich

Ihre Frage, „Wer sagt ,ich‘ in einem übersetzten autobiografischen Text?“, war damit aber noch nicht beantwortet. So wie Lukas in seiner Apostelgeschichte von einem „wir“ zu reden beginnt, werden in einer literarischen Gemeinschaft von Autor und Übersetzerin Texte gekürzt, neu zusammengestellt oder ergänzt. Lukas der Chronist des Frühchristentums ist jedoch „mehr als ein porträtierter Wir-Sager“, wie Hamm betont.

Er wird zum Alter Ego, in dessen Funktion als Erzähler und Zeuge sich Carrère spiegelt. „Von den vier Evangelisten“ sei Lukas „der einzige, der als früher Historiker, Interviewer, Journalist und Reporter“ auftrete und er sei der „einzige Nichtjude“, was auch für ihn selbst als Autor gelte. Er braucht Lukas als objektiven „Reporter“, um Paulus und andere geistige Führer der christlich-jüdischen Sekte zu rehabilitieren. Er will nicht missionieren, sondern ungerechte „Zeugenschaften“ revidieren. Das ist ein autobiografisches Bedürfnis, zugleich aber auch ein Votum gegen die intellektuelle Arroganz scheinbarer Aufklärung. Schon in der Antike wurden Christentum und Auferstehungsbotschaft als „irrsinniger Aberglauben“ kritisiert, als Religion der Sklaven. Und daran anknüpfend sah auch Friedrich Nietzsche in Paulus den Apostel einer Sklavenmoral, die das Ressentiment gegen die Großen bediene, indem sie die Opferrolle schönfärbe.

Die neue christliche Gemeinschaft als Begründer des Universalismus

So ist es kein Zufall, dass Emmanuel Carrère schon im Prolog gesteht, dass er „zurzeit jeden Morgen im Café ein paar Seiten von Nietzsche“ lese und dessen Zweifel am Sinn des christlichen Glaubens zum Ausgangspunkt seiner sich über 500 Seiten erstreckenden Rehabilitation des „Revolutionärs“ Paulus und des „Intellektuellen“ Lukas macht. Am Schluss sind die Zweifel nicht beseitigt, aber die Hoffnung ist da.

Dass mit der revolutionären Erkenntnislehre des Paulus („In der Kirche will ich lieber fünf Worte mit Verstand reden als zehntausend in Zungengestammel“) nicht nur Hoffnung, sondern auch Weisheit verbunden war, haben romanische Philosophen schon vor Jahren neu erkannt. Alain Badiou war der Erste, der in ihm ein Gegenmodell zum politischen und geistigen Neoliberalismus unserer Zeit entdeckt hat. Er erkannte in der paulinischen Bekehrung, in der Erschütterung über Kreuzigung und Auferstehung Christi, eine neue Identität, und zwar in Form eines Bürgerrechts für alle, gebunden allein an das Glaubensbekenntnis. Subjektivität bedeutet demnach, sich von einem Ereignis erschüttern zu lassen und ihm dann die Treue zu halten.

Die neue christliche Gemeinschaft beruht weder auf gemeinsamen Regeln noch auf gemeinsamer Abstammung und wird so zum Begründer des Universalismus. Emmanuel Carrères „Reich Gottes“ formuliert zwar kein vergleichbares politisches Programm, ist aber „doch“, wie es im Klappentext zu Recht heißt, „durchdrungen vom Wunsch nach tieferem Sinn und Gemeinschaft“. Die paulinische Dialektik der Weisheit scheint neue Möglichkeiten zu schaffen, den Glauben mit der Philosophie im Gespräch zu halten und damit auch die Gegenwartsliteratur aufregender zu gestalten.

Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016. 524 Seiten, 24,90 €.

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