Kultur : Emmas Mama

Feministisch, praktisch, gut: Alice Schwarzer zum 60.

Caroline Fetscher

Über Simone de Beauvoir erklärte Alice Schwarzer einmal: „Sie ist eine Pionierin in Siebenmeilenstiefeln.“ Das lässt sich ohne weiteres auch für Schwarzer selbst sagen. In einem Deutschland der vom Nationalsozialismus erschlagenen Frauenbewegung, wo noch die Studentenrevolte Männersache geblieben war, löste sie 1975 mit „Der kleine Unterschied und seine Folgen“ eine Debatte um die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern aus, die bis heute anhält.

Die am 3. Dezember 1942 in Wuppertal geborene Tochter einer unverheirateten Mutter wuchs bei den Großeltern auf und ging 1964 ohne Schulabschluss als Au-pair-Mädchen nach Paris. Dort fand sie ihre größte politische Inspiration. Erkenntnis, Zorn und Kreativität importierte sie nach Deutschland – und klärte auf: Über Patriarchat und Pornographie, über Homosexualität und Diskriminierung, über Mode und Macht, über weibliche Ikonen und männliche Fantasien, über Frauen in der Ersten und in der Dritten Welt, über Missbrauch und Vergewaltigung als gesellschaftliche Tabus. Mit ihrem eigenen kleinen „Sturmgeschütz der Gleichberechtigung“, der Zeitschrift „Emma“ (Auflage 94 000) erreicht sie seit 1977 Millionen von Mädchen und Frauen in Deutschland.

Gewiss, in den USA haben Feministinnen inzwischen jenen kleinen Unterschied auf hochkomplexe Weise als soziale Konstruktion dekonstruiert. Schwarzer, eher Pragmatikerin als Philosophin, kämpft weiter an der klassischen Front, etwa mit den Waffen der Statistik. Im Jahr 2000 veröffentlichte sie „Der große Unterschied. Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen“, und stellte klar, dass es ihr nicht um Feindseligkeit gegenüber Männern geht, die ebenso in vorgefundene Symbolwelten hineinwachsen wie Frauen. Doch Ziffer für Ziffer hielt sie vor Augen, wie miserabel es immer noch um gleiche Chancen für Frauen bestellt ist, etwa bei wirschaftlichen Führungsfunktionen, an den Akademien oder in den Medien.

Kritik hagelt es stets, wenn Schwarzer sich hervortut. Als „Macho im Rock“ bezeichnete sie der „Spiegel“, und manche aus der Emma-Entourage empfanden die dynamische Verlegerin und Autorin als dominant. Schwarzer scheint gleichwohl keine andere Wahl zu haben, als gegen die massiven Widerstände der deutschen Männergesellschaft bisweilen ebenso massiv ihre Position zu verteidigen. Und alle Frauen, auch die intellektuellsten oder die konservativsten, können sich heute fragen: Wo wären wir ohne Alice Schwarzer?

Nun unser Vorschlag zu Schwarzers Geburtstag an die großen Sendeanstalten des Fernsehens: Wie Reich-Ranickis „Literarisches Quartett“ die Literatur popularisierte, so kann Alice Schwarzer die Geschlechterdebatte popularisieren. Gebt der charmanten Streiterin ein „Feministisches Quartett“! Es wäre ein Hit.

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