Kultur : Emotionaler Terror

Christoph Draegers desaströse Installation „Black September“ in der Berliner Galerie müllerdechiara

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Es ist wie in einer typischen Meisterschüler-Ausstellung: Zum Auftakt hängen Siebdrucke, denen Medienbilder als Vorlage dienten, dann eine Rauminstallation Marke Post-Tracey-Emin, in der ein intimer und beinahe dokumentarischer Einblick erlaubt ist. Schließlich erwarten den Besuchern bewegte Bilder, in denen Fiktion und Nonfiktion scheinbar kritisch verwoben sind.

Tatsächlich aber findet die Ausstellung von Christoph Draeger in einer avancierten Galerie statt. Dieser Widerspruch ließe sich verkraften. Zwiespältig aufhorchen lässt aber das Thema der Ausstellung: Es handelt sich um eine Präsentation, die den terroristischen Anschlag auf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft in München 1972 thematisiert. Der Titel „Black September“ und das ausliegende Informationsblatt betonen einen Zusammenhang zum ersten Jahrestag des Anschlags auf das New Yorker World Trade Center. Eine Parallelschaltung, die so spekulativ wie bemüht spektakulär ist. Versucht man aber trotz ihrer formalen Belanglosigkeit diese Ausstellung angesichts ihres Inhalts Ernst zu nehmen, dann stellen sich vor allem Fragen.

Zunächst: Was eigentlich ist daran interessant, wie die Schlafräume der israelischen Mannschaft ausgesehen haben? Draeger spart in besagter Rauminstallation nicht mit blutroter Farbe, Einschusslöchern, zerbrochenen Schallplatten und anderem Desaströsen. Karl Kraus kommt einem in den Sinn, der in seinem „Die letzten Tage der Menschheit“ warnend und prophetisch zugleich die absurde Situation beschreibt, wie ein Kanonier an der Front von einem Journalisten nach seinen Gefühlen befragt wird. Was mehr, als dieses von Karl Kraus diagnostizierte sensationslüsterne und bewusst gefühlsbeladene Mitteilungsbedürfnis bezeugt die Ausstellung „Black September“? Vielleicht analysiert sie eben diese medialen Mechanismen eines gnadenlosen Emotionsterrors, der längst auch in angeblich seriösen Nachrichtensendungen angekommen ist. Diese Frage, also die Frage, wann die Aneignung von medialen Strategien zu einer kritischen wird, ist durchaus eine spannende ästhetische Problemstellung. Doch damit aus bloßer Verwendung eine erkenntniskritische Wendung wird, bedarf es einer ästhetischen Brechung. Sei es etwa als zynisch-aggressive oder ironische Distanzierung, wie sie derzeit Raymond Pettibon auf der Documenta in seinem großartigem Raum zur US-amerikanischen Politik vorführt. Oder sei es eine so präzise wie intelligente visuelle Datenverarbeitung, wie sie Johan Grimonprez 1997 in seinem Film „Dial H-i-s-t-o-r-y“ über Flugzeugentführungen vorführte. Etwas vergleichbar ästhetisch Beunruhigendes findet sich bei Christoph Draegers „Black September“ in keinem Moment. Stattdessen ist lediglich das brave Durchdeklinieren bekannter Kunststückchen aus der Mottenkiste auszumachen. Und diese hinken selbst hinter den Kreuzungen von Authentizität und Medialität, die aus „Big Brother“ bekannt sind, hinterher. Raimar Stange

Galerie müllerdechiara, Weydingerstraße 10, bis 12. Oktober; Dienstag bis Sonnabend 12-19 Uhr.

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