Kultur : Empfindsam schön

VOLKER STRAEBEL

Beim Gastspiel des britischen Trios AMM im Hamburger Bahnhof benötigten nicht nur die Zuhörer Zeit, sich in die Klangwelt der legendären, in den sechziger Jahren von Cornelius Cardew geprägten Improvisationsgruppe zu finden.Auch die Musiker brauchten wohl diese eher an konventionellen Freejazz gemahnende energetische Einstiegsphase, ehe sie sich an ruhigere, differenziert ausgestaltete Klangflächen heranwagten.

Keith Rowe entlockte dann seiner vor ihm auf dem Tisch liegenden E-Gitarre mit Bogen und Effekt-Geräten geräuschhafte Liegeklänge, die der Perkussionist Eddie Prévost mit Wisch- und Streichgeräuschen oder hell perlenden Cymbal-Impulsen färbte.John Tilbury findet sich am Flügel als einziger auf diskrete Tonhöhen verwiesen, was, sieht man vom sparsamen Gebrauch des Inside-Pianos ab, den spannungsvollen Materialkontrast von AMM ausmacht: Feldmaneske Tonsignale stehen so dem elektronischen Organum gegenüber und reiben sich an den weniger bestimmten, stets unwiederholbaren Glissandi aus Rowes Kurzwellenempfänger oder Prévosts Perkussion-Set.

Daß gänzlich freie Improvisation nicht in gestischem Dauer-Expressivo und musikalische Kommunikation nicht in der wechselseitigen Imitation überschaubarer Motivhappen enden muß, beweisen die fesselnd konzentrierten musikalischen Prozesse von AMM.Wenn Keith Rowe den E-Bow wieder abhebt, mit dem er einen etlichen Minuten währenden, akustisch leicht schwebenden Liegeton erzeugt hatte, und plötzlich Stille den Orgelpunkt zu bilden scheint, über dem Tilbury seine großen Sexten pendeln läßt, weht ein Hauch von Poesie durch den von Dan Flavins Lichtinstallation blau schimmernden Konzertsaal.So empfindsam schön kann also Musik sein.Ein beglückendes Konzerterlebnis, das selbst den Rezensenten verstummen läßt.

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