Kultur : Empörend? Erhellend!

Stasi-Herren blicken zurück auf den Alltag ihrer Behörde

Robert Ide

Es gab Zwischenrufe, Pfiffe, Wut. Manche Zuschauer hielten es nicht mehr aus und verließen das Kino. Die Erstaufführung des Films schien sogleich die letzte zu sein. Dabei waren die neun alten Herren, die da von der Leinwand lächelten, auf den ersten Blick ganz nett. „Sie glauben gar nicht, was wir für prächtige Kollektive waren“, erzählte etwa der Rentner Wolfgang Schwanitz über seinen früheren Berufsalltag. „Unsere Mitarbeiter haben getan, was jeder Staatsbürger für sein Vaterland tun sollte“, meinte Gerhard Neiber und zwinkerte in die Kamera.

Was soll daran so schlimm sein? Ganz einfach, Neiber und Schwanitz waren Chefs der DDR-Staatssicherheit. Im Dokumentafilm „Ministerium für Staatssicherheit – Alltag einer Behörde“dürfen sie 90 Minuten lang darüber berichten, wie das damals war bei ihnen. Und niemand widerspricht ihnen, rückt ihr Geschichtsbild gerade.

Ein Skandal? Auf den ersten Blick ja. Die Autoren Jan Lorenzen und Christian Klemke haben sich zu sehr einlullen lassen von der Gemütlichkeit und Dialektik der einstigen Stasi-Spione. Warum lassen sie Aussagen unkommentiert, die für viele Ostdeutsche wie Hohn klingen? Beispiel: „Dass kein Schuss fiel, war ein Verdienst derer, die die Waffen hatten.“ Warum wird der Perspektive der Täter nicht die Sicht der Opfer gegenübergestellt? Die Antwort der Filmemacher klingt banal: Die Spione entlarven sich selbst.

Und das funktioniert dann doch. Der Film entwickelt durchaus ein klares Bild. Das funktioniert oft durch Kleinigkeiten, mit dem schnellen Wechsel von Licht und Schatten, mit tiefer Begleitmusik und starrer Kamera, mit Zwischenschnitten von dumpfen Schulungsvideos für die Kämpfer an der unsichtbaren Front. Nein, dieser Film ist kein Skandal. Denn je länger die Täter reden in ihrer Logik von gestern und ihrer Sprache von vorgestern, desto authentischer werden sie. Von Minute zu Minute machen sie dem Zuschauer mehr Angst vor ihrer Spießigkeit. Ganz von allein.

Die Täterperspektive ist noch neu für die Erforschung der DDR-Geschichte. Bislang haben sich die Historiker vorrangig an die Stasi-Akten der Opfer gehalten und die Filmemacher an die Erinnerungen der zweifelnden Mitläufer. „Good Bye, Lenin!“ ist das beste Beispiel dafür, dass Geschichte derzeit am besten über Anekdoten funktioniert. Gerade deshalb aber ist der neue Film über die Staatssicherheit ein Gewinn. Das kalte Funktionieren ihrer allgegenwärtigen Macht – in der Vorführung der unbelehrbaren Täter wird sie aufgedeckt. Das schmerzt, macht wütend. Aber es wirkt.

Und so reiht sich Interview an Interview, Beschönigung an Beschönigung, Feindbild an Feindbild. Bis klar wird, dass die alten Herren auf der Leinwand keine netten Opas aus prächtigen Kollektiven sind. „Der wahre Wert dieses Films wird erst in 20 oder 30 Jahren deutlich werden“, sagt Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen. Vielleicht hat sie Recht, auch wenn sie das seltsam begründet. Birthler sagt: „Die Täter haben erstmals ihr Herz geöffnet.“

Ihr Herz? Wer genau hinschaut, sieht nicht viel davon.

Blow Up, Eiszeit und Hackesche Höfe.

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