Kultur : Ende der Diplomatie - Und die Kunst kann beginnen

Ulrich Amling

Konzerte sind Kompromisse, Konzertprogramme Diplomatie. Peter Ruzicka, der Kulturmanager, Komponist und Dirigent, kennt diese Regeln nur zu gut. So gut, dass ihm ab dem Jahr 2001 die Leitung der Salzburger Festspiele anvertraut wurde. Seinem Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester stellt er Beethovens Violinkonzert voran, denn - das weiß man aus leidvoller Erfahrung - ein Abend ganz mit Werken von Edgard Varèse und dem Komponisten Ruzicka hätte die Philharmonie schlagartig veröden lassen. Allein, den Verdacht des bloßen Ruhigstellens von Abonnenten konnte die Aufführung mit dem Solisten Shlomo Mintz nicht widerlegen. Die üppig besetzten Streicher breiteten sanfte Ruheklangkissen aus, auf die man wie gelähmt niedersank, weil dem Musizieren jede Spannung fehlte. Daran konnte auch der Solopart nichts ändern. Vielleicht lag es daran, dass Mintz zu genau der großformatigen Orchester-Einleitung gelauscht hatte und sein musikalisches Feuer daraufhin erloschen war. Man will es zu seinen Gunsten annehmen, denn was der gefeierte Virtuose an diesem Abend zeigte, war nicht mehr als ein sporadisches Aufflackern von Interesse. Das galt schönen, schlanken Spitzentönen, die zielsicher ins Publikum geschleudert wurden, um danach mit geradezu peinigender Nachlässigkeit durch die Lagen zu rutschen.

Ein Affront gegen das Publikum - doch leider werden die meisten Zuhörer auch den zweiten Teil des Abends als solchen gewertet haben. Hier präsentierte Ruzicka sein Werk "... Vorgefühle ...", eine kompositorische Haltestelle vor seiner Celan-Oper, die 2001 uraufgeführt wird. Die Anspielung auf Arnold Schönbergs Fünf Orchesterstücke op. 16 ist Programm. Wie Schönberg geht es Ruzicka nicht um die thematische Verarbeitung des Klangmaterials. Es gewinnt Eigenleben, organisiert sich nach Farbigkeit und Dichte im Raum. Zunächst in zarten Streicherfragmenten steigert sich die Heftigkeit zu Geräuschexplosionen, die immer wieder subtil durch rhythmische Impulse aufgelöst werden. Eine kultivierte Variante von dem, was Edgard Varèse mit seinen Américanques 1926 forderte: die Emanzipation des Geräuschs in der Musik. Eilfertig gingen elf Schlagwerker zu Werke, das Blech schnaubte, und Ruzicka koordinierte überzeugend diese gewaltige Entladung von Orchestergewalten. Traditionssplittter und Maschinenton: Harte Hörbrocken, die noch immer zu Türenschlagen führen. Hier war alle Diplomatie am Ende. Und die Kunst konnte beginnen.

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