Kultur : Ende der Flucht

Was der Entwurf über Erinnerungspolitik verrät

Thomas Lackmann

Der Fantasie sind Grenzen gesetzt. Todesangst über Monate, Rechtlosigkeit, Entwürdigung, Drohungen, Folter durch Beamte: Wer im 21. Jahrhundert als Architekt oder Jury-Mitglied befinden soll, wie der häusliche Rahmen für eine „Lagebeschreibung des Schreckens“ aussehen müsste, hat solche Erfahrungen nicht selbst gemacht. Den meisten Besuchern eines Dokumentationszentrums, wie es die Topographie des Terrors werden soll, wird das kaum anders gehen. Sind deshalb auch der Architektur Grenzen gesetzt? Noch komplizierter wird die Aufgabe, wenn nicht die Opfer des Reichssicherheitshauptamts, sondern das Verbrechersystem und seine Täter im Fokus stehen.

An den Vorgeschichten dieses Unternehmens lässt sich neben seiner Komplexität auch die quälende Entwicklung deutscher Erinnerungspolitik ablesen. In den 70er, 80er Jahren der kritischen Aufarbeitung wurde das Gelände durch eine Bürgerinitiative entdeckt, ein Provisorium entstand. Die Suche der 90er Jahre nach dem großen Wurf passte zu den kulturpolitischen Kämpfen um das Jüdische Museum und das Denkmal für die ermordete Juden Europas, denen man auf der Täterseite ein ambitioniertes Pendant entgegenstellen wollte. Relikte dieser Phase, Zumthors Türme, wurden 2004 wieder abgerissen. Im aktuellen Jahrzehnt begegnen sich gegenläufige Tendenzen: einerseits emotionale Wiederaufbereitung, Guido-Knopp-History, ein Designerpreis fürs Eisenman-Mahnmal; wer hätte sich in den 80ern so was getraut? Andererseits Suche nach unaufgeregter Funktionaliät, ja nach „Neutralität“ wie sie in Kommentaren der TopographieWettbewerbsjury zum Ausdruck kommt.

Wer versucht, die im Gropius-Bau ausgestellten Entwürfe zu bewerten, scheitert an deren Ähnlichkeiten. Kuben, Boxen, Scheiben. Hübsche Verwaltungsbauten. Sachlichkeit statt Haltung, Zurückhaltung statt – pardon – Unterhaltung. Der Terror kommt aus den Geschichten, die zu erzählen sind, das reicht. Mit den seinerzeit präsentierten pathetischen Ideen zum Holocaust-Mahnmal ist diese Schau nicht zu vergleichen. Nur etwas tröstliche Naturmystik wird gern eingeflochten, wo es um verstepptes Gelände und das Robinienwäldchen geht.

Es gibt wenige Geschichten, die mit dem wiederholten Hören schlimmer werden. Die Geschichte der deutschen Menschenvernichtung, an der die Mehrheit des Volks als Mittäter und Zuschauer beteiligt war, gehört dazu. Wenn unsere Nachkriegserinnerung stattdessen den Überdruss produziert hat, müssen Politiker, Medien, Pädagogen etwas falsch gemacht haben. Das darf nun korrigiert werden. Die Deutschen sind im 20. Jahrhundert mit dem Schrecken – soll man sagen: Terror? – davongekommen. So wäre diese Topographie das, architektonisch bescheidene, Ende einer Fluchtbewegung.

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