Kultur : Ende der Liaison

Weder Sozialismus noch Tod – Kuba und der Protest der linken Intellektuellen

Iván de la Nuez

Im Herbst 2002 besuchte Steven Spielberg Havanna. Zwar hatte dort in den letzten Jahren der Papst schon eine Messe gehalten und der amerikanische Ex-Präsident James Carter von Demokratie gesprochen; die Oriols aus Baltimore hatten Baseball gespielt und Arnold Schwarzenegger eine Zigarre geraucht. Dennoch war Spielbergs Visite kein Besuch wie jeder andere. Er bedeutete er einen Ritterschlag für Castros Revolution und eine weitere Stimme, die das Ende des Embargos der USA verlangte.

Kubas Kinos zeigten in jenen Tagen die Filme des Regisseurs, und die Menschen in Havanna erlebten eine Wiedergeburt der Phantasie. Havanna verwandelte sich in eine Stadt, die vom „Weißen Hai“ belauert, von „E.T.“ bewegt und von „The Colour Purple“ zu Tränen gerührt wurde. Und zum Abschluss wurde „Minority Report“ gezeigt, ein Film, der eine mögliche Zukunft entwirft: Im Jahr 2054, in einer postdemokratischen Welt, gibt es keine Unschuldsvermutung mehr, nur die Gewissheit der Schuld. Straftäter werden vor und nicht nach einem Verbrechen festgenommen, und die Minderheit der Andersdenkenden wird im Namen der Einheit eliminiert.

Weniger als ein Jahr nach Spielbergs Besuch haben die kubanischen Behörden die angebliche Schuld von 75 friedlichen Oppositionellen festgestellt, unter ihnen der renommierte Dichter Raúl Rivero. Gegen sie wurden insgesamt 1454 Jahre Gefängnis verhängt. Und damit nicht genug: Wenige Tage nach den Verhaftungen wurden drei Jugendliche nach kurzem Prozess hingerichtet, weil sie auf einem entführten Schiff in die USA flüchten wollten. All das geschah zu der Zeit, als die angloamerikanischen Truppen in den Irak einmarschierten und weltweit gegen den Krieg demonstriert wurde.

Kubas neue Isolation

Sein politisches Geschick hat es Fidel Castro erlaubt, die Revolution und sich selbst beinahe ein halbes Jahrhundert lang an der Macht zu halten. Jetzt jedoch, da sich eine neue Weltordnung abzeichnet, geht sein Kalkül nicht mehr so glatt auf wie bisher. Der Lärm des Krieges im Irak und die Protestrufe der Demonstranten gegen die nordamerikanische Politik waren nicht laut genug, um die internationale Gemeinschaft taub zu machen gegenüber den Vorfällen in Havanna. Im Gegenteil, sie hat mit bisher unbekannter Heftigkeit reagiert. Der Protest der linken Intellektuellen und verschiedener kommunistischer und sozialistischer Parteien Europas bedeutet einen Wendepunkt.

Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger, José Saramago und Susan Sontag, Pedro Almodóvar und Manuel Vázquez Montalbán, Noam Chomsky und Carlos Fuentes, Josep Ramoneda und Antonio Tabucchi, neben ihnen über hundert weitere Schriftsteller und Künstler, die niemand als Agenten der CIA bezeichnen würde, sie alle haben sich gegen den Irak-Krieg gewandt, genau wie sie sich gegen eine Invasion der USA in Kuba stellen würden. Aber genauso eindeutig verurteilen sie den kubanischen Autoritarismus, die Festnahme von Dissidenten und die Erschießungen.

In der Politik gibt es keine Unschuld, und es besteht kein Zweifel, dass sich das Büro der US-Interessenvertretung in Havanna nicht arglos verhalten hat. Durch die arroganten Erklärungen, die sein Leiter James Cason zu den Prozessen abgab, hat es die Lage noch verschärft. Es ist erstaunlich, dass er nicht ausgewiesen wurde. Das hätte ein großer Teil der internationalen Linken sicher akzeptiert – nicht jedoch die Erschießungen.

Havanna hat in seiner Bündnispolitik Fehler gemacht. In dem, was wir euphemistisch „Neue Weltordnung“ nennen, erinnern die Dichotomie zwischen dem Guten und dem Bösen oder die ideologischen Feldzüge von George W. Bush an den Kalten Krieg. Und so ungewöhnliche Bündnisse wie die zwischen Frankreich, Deutschland, China und Russland gehören zu den Mitteln einer neuen globalen Politik. Castro dagegen hat sich für eine Besorgnis erregende Isolation entschieden.

Ein Beispiel dafür ist das Projekt Varela, das vielleicht wichtigste Projekt in der Geschichte der Dissidentenbewegung in Kuba. Sein Initiator, Oswaldo Paya Sardinas, hat den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments erhalten und ist ein Kandidat für den Friedensnobelpreis. Die Projektbeteiligten haben – und das bedeutet viel unter den politischen Bedingungen der Insel – mehr als 11000 Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt – mit dem Ziel einer demokratischen Öffnung. Und wie reagiert das kubanische Regime? Es erklärt, im Widerspruch zu seiner eigenen Verfassung, der Sozialismus sei unumstößlich. Und wie antwortet die exil-kubanische Rechte in Miami, ein Überbleibsel der McCarthy-Ära? Sie demonstriert gegen das Varela-Projekt, weil es zu weich gegenüber dem sozialistischen Regime sei. Zu diesem Zeitpunkt wurde gerade im US-Kongress über die Aufweichung des Embargos verhandelt, und es zeichnete sich eine Möglichkeit für kubanische Einkäufe in den USA ab. Und ausgerechnet diesen Moment haben die nordamerikanische Diplomatie, die kubanoamerikanische Ultrarechte und die kubanische Regierung gewählt, um sich zu verbünden, indem sie wieder festigten, was ein halbes Jahrhundert lang die extreme Geschichte dieses Landes bestimmt hat, mit Losungen wie: „Vaterland oder Tod“ – „Mit mir oder gegen mich“.

Die aktuelle Haltung der westlichen Linken, und das ist der wesentliche Unterschied, bricht mit diesen falschen Alternativen. Das gilt auch für diejenigen, die der kubanischen Regierung am nächsten stehen und sich in jenem Brief aus Mexiko geäußert haben, der am 1. Mai mitten auf dem Platz der Revolution verlesen wurde – mit den Unterschriften unter anderem von Harry Belafonte, Mario Benedetti, Gabriel García Márquez, Adolfo Sánchez Vázquez oder Adolfo Pérez Esquivel. Auch sie, die vor einer möglichen US-amerikanischen Invasion warnen, rechtfertigen nicht die Unterdrückung der Dissidentenbewegung. Eduardo Galeano, einer der Mitunterzeichner des Manifests, hat das deutlich gemacht, indem er den Kubanern den berühmten Satz von Rosa Luxemburg ins Gedächtnis rief: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“

Was nach Castro kommt

Das Echo, das von Norden, von der US-Regierung her, auf die Insel dringt, weckt wenig Hoffnung. Im Süden dagegen hat eine breite Front der Linken, geführt von der Arbeiterpartei, Luiz Ignacio „Lula“ da Silva in Brasilien an die Regierung gebracht. Im Osten haben die Exkommunisten die letzten Wahlen in Polen gewonnen, das sind Beispiele dafür, wie linke Politik innerhalb von Demokratien neu formuliert wird. Und an Kuba gehen diese Entwicklungen nicht spurlos vorbei, auch wenn ein Teil seiner Intellektuellen sich andient, den ideologischen Überbau eines abgeschotteten Landes zu liefern, in dem erzwungene Einstimmigkeit und Misstrauen regieren.

Der Tourismus, die Öffnung für Dollar und Euro, die beginnende Marktwirtschaft haben Kuba in ein vielgesichtiges Land verwandelt: in ein Land, in dem der Sozialismus mit kontrollierten Zonen des Staatskapitalismus koexistiert. Die Insel erscheint, je nachdem welche Perspektive man einnimmt, mal als Sexparadies oder als das letzte Thule des Kommunismus, als letzte Bastion der Diktatur des Proletariats oder die ideale Therapie für westliche Neurosen und Phantasien. Heute findet man auf Kuba die Sonntagsmesse ebenso wie den spanischen Investor oder die Tribünen voller Revolutionsparolen. Sie konfrontieren die Kubaner mit ihrer ganzen Geschichte: der kolonialen, der neokolonialen, der republikanischen, der revolutionären und postrevolutionären.

Welche Möglichkeiten hält die Zukunft also bereit? Alles, vom unumstößlichen Sozialismus, der sich abkapselt, bis hin zum wilden Neoliberalismus, der sich selbst zerstört; von der allmählichen Transformation bis hin zum abruptem Bruch, der Schocktherapie auf russische Art (dieser Cocktail, in dem sich die alte Nomenklatura mit der neuen Mafia mischt); von der Armut eines karibischen Landes, das von den Schecks seiner Verwandten abhängt, bis hin zum Chaos eines postkommunistischen Staates, der die Geister, die er rief, nicht kontrollieren kann.

Die Unterdrückung derer, die ihr Recht auf Abweichung ausüben, wird die Rückkehr des Kapitalismus nach Kuba nicht verhindern. Sie erschwert jedoch die Möglichkeit einer kubanischen Linken in einer demokratischen Zukunft. Diese Linke könnte so vielgestaltig sein wie die westliche Linke, die zu den letzten, sehr ernsten Ereignissen in Kuba und der Welt Stellung bezogen hat. Sie entwickelt sich an den Rändern der kubanischen Regierung und unter Intellektuellen, die ihr nahestehen – aber auch in der Dissidentenbewegung, im Gefängnis und im Exil.

Der Essayist und Kunstkritiker Iván de la Nuez wurde 1964 in Havanna geboren. 1991 verließ er seine kubanische Heimat und lebt seit 1992 in Barcelona, wo er für die Ausstellungen des Palacio de Virreina verantwortlich ist. In der Edition Suhrkamp ist 2001 sein Essayband „Das treibende Floß – Kubanische Kulturpassagen" erschienen.

Übersetzung aus dem Spanischen von Dorothee Nolte.

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