Ende des ''Kursbuchs" : Völker, lest die Signale!

Das "Kursbuch" wird eingestellt, nach 169 Heften. Sechs Tagesspiegel-Redakteure erinnern sich an eine Zeitschrift, die 42 Jahre lang immer wusste, wo es links abgeht.

Kursbücher
Zwei Ausgaben des Kursbuchs. -Repro: Tsp

Mit der Inspiration, die es politisch wachen und literarisch anspruchsvollen Köpfen mehr als vier Jahrzehnte bot, wurde es zur Institution. Als Institution aber kämpfte das 1966 von Hans Magnus Enzensberger gegründete „Kursbuch“ mehr und mehr um den Glanz, den es als zentraler Umschlagplatz linker Ideen erworben hatte. Es kämpfte gegen eine vielgestaltige Entpolitisierung. Es konkurrierte mit dem Debattenfeuilleton. Und es suchte, unaufhörlich um Modernisierung ringend, nach einem neuen Geist, der es mit dem alten hätte aufnehmen können. Zuletzt hatte sich das „Kursbuch“ rein äußerlich in Richtung Magazin verändert, ohne dass es dadurch mit den Veränderungen der Welt Schritt halten konnte. Mit der Nummer 169 ist vor wenigen Wochen die letzte Ausgabe erschienen. (Tsp vom 13.6.) Ein Rückblick mit leiser Wehmut.

HEFT 12: Der nicht erklärte Notstand, 1968

Es hatte eine satte, violette Farbe und war die Verheißung einer Wahrheit. Der Wahrheit über den Sommer 1967. Allzu vielstimmig waren die Berichte aus Berlin gewesen, aufwiegelnd und abwiegelnd, wer nicht dabei gewesen war, konnte sich kein Bild machen von dem, was auf den Straßen geschehen war, Aufbrüche, Zusammenbrüche – die Erklärungsnot war so groß wie das Bedürfnis nach Antworten. Die bürgerlichen Medien gaben sie nicht, natürlich nicht, wie wir fanden. Dann war die Antwort da, im April 1968. Kursbuch 12: eine 200-seitige Bombe. Eine minutiöse Rekonstruktion des Dramas vom 2. Juni, der tödlichen Schüsse auf Benno Ohnesorg, des schier unglaublichen Vorgehens der Polizei, der Politik, der Medien, der Justiz. Und ganz gegen die „Kursbuch“-Manier keine Sammlung theoretischer Texte, sondern eine Dokumentation, ein Materialband. Wir konnten gar nicht genug davon bekommen. Und lernten ein neues Wort: Gegenöffentlichkeit. Wolfgang Prosinger

HEFT 17: Frau – Familie – Gesellschaft, 1969

Ein legendäres Heft, es prägte den Begriff „Kursbuch17-Kinder“. Mitglieder der Charlottenburger Kommune 2 berichten, im Sinn des „Aktionsrats zur Befreiung der Frau“, wie sie die Frauen vom Kochen und Putzen entlasten, die Männer an der Hausarbeit beteiligen und mit ihnen die Erziehung der Vorschulkinder übernehmen wollten. Im „Kinderkollektiv“ sollten antiautoritäre Charaktere entstehen, ohne ödipale Elternfixierung. Für den „Zentralrat der sozialistischen Westberliner Kinderläden“ gaben die Kommunarden Broschüren heraus, sie lasen Marx und Marcuse, Reich, Freud, Horkheimer, Adorno und ermunterten Erwachsene wie Kinder, Gefühle und Genitalien zu erforschen. Erleichtert bemerkten die Kommunarden, dass die Kinder den ideologisierten Haushalt in Richtung Realismus schoben. Beschämt waren sie darüber, wie oft sie sich dann doch als Söhne und Töchter von Faschistenfamilien erleben mussten. Bis aus Theorie bekömmliche Praxis wird, vergehen meist Generationen. Caroline Fetscher

HEFT 18: Cuba, 1969.

Es ist das Jahr zehn nach der kubanischen Revolution. Che Guevara ist erschossen, in Vietnam wird gekämpft, Dubmeks Versuch eines anderen Sozialismus ist von sowjetischen Panzern erstickt. Was wird aus Kuba? Wie viel Marxismus soll sein? Wie organisiert man Löhne, Investitionen, sozialistische Planung: für linke Intellektuelle ein hochinteressantes Versuchsfeld. Hans Magnus Enzensberger fährt in die Karibik und schlägt nicht nur solidarisch Zuckerrohr mit den Genossen. Er analysiert Kubas kommunistische Partei, er ist erschüttert: „Der Klassenkampf kommt nicht vor…, das marxistische Denken ist auf den Hund gekommen.“ Weitere Themen sind Stadtguerilla, Konterrevolution, Erinnerungen eines Revolutionärs („die Handgranaten hatten wir an die Gürtel gehängt“), ökonomische Debatten. Drei große Castro-Reden sind dokumentiert: „Eines Tages, wenn wir den wahren Kommunismus erreicht haben, werden wir kein Geld mehr brauchen.“ Vergangene Woche, genau zum Tod der „Kursbuch“-Reihe, wurde in Kuba „die Gleichmacherei“ abgeschafft und der Leistungslohn eingeführt. Norbert Thomma

HEFT 42: Unsere Bourgeoisie, 1975

Das Heft hätte eine Wegweisung für den Kampf in der seit der SPD-Kanzlerschaft ab 1972 unübersichtlich gewordenen Bundesrepublik sein können. Fürs „Kursbuch“ schreiben, sei wie in eine „Akademie der Linken“ aufgenommen zu werden, jubiliert stattdessen ein Autor, der heute so vergessen ist wie seine damals im Zenit linker Berufswünsche stehende Tätigkeit (Erziehungswissenschaften). Ein anderer Autor – „lehrt an der University Bremen Philosophie“ – deliriert über „die schaurige Geborgenheit bürgerlichen Wohnens“. Wie man sich die Möbel der Bourgeoisie vorstellt, dafür muss einmal mehr Walter Benjamins „Einbahnstraße“ von 1928 herhalten: „Die seelenlose Üppigkeit des Mobiliars wird wahrhaft Komfort erst vor dem Leichnam.“ So versammelt das Heft eine krude Mixtur von Marxismus-Floskeln und Pseudoerkenntnissen, wie jenen einer namhaften hessischen Bürgersgattin: eine Bankrotterklärung dessen, was nur wenige Jahre zuvor als Soziologie die Position der Leitwissenschaft beansprucht hatte. In der Nachlese offenbart sich die seelenlose Dürftigkeit des Mobiliars, das sich in den Schreibstuben einer frustrierten Intelligenzija angesammelt hatte. Zu gerne wollte sie bei den Stehempfängen der Bourgeoisie dabeisein, von denen besagte Gattin so ausgiebig erzählt. Bernhard Schulz

HEFT 100: Die Welt von morgen, 1990

Otto Kallscheuer zitiert vor lauter Schreck die Apostelgeschichte: „Sie entsetzten sich aber und wurden ratlos und sprachen einer zu dem anderen: Was will das werden?“ Die Mauer war gefallen, die Linke rieb sich die Augen, das alte Weltbild war perdu. H. M. Enzensberger liefert einen „Nachtrag zur Utopie“ und würdigt den Pragmatismus der Deutschen. Während Uwe Wesel vor lauter VisionsVerlust „Innerlich erröten“ möchte und andere die teutonische Gefahr („Wir sind ein Volk“) beschwören, konstatiert Sonja Margolina die Einsamkeit Russlands. Angesichts der neuen Zeitenwende bleibt nur Enzensberger cool: „Die Natur macht Sprünge, der Mensch stolpert; ohne chaotischen Anteil gibt es keine Selbstorganisation.“ Oder schwingt auch da ein wenig Untergangs-Fatalismus mit – zumal das Heft mit schwarzweiß reproduzierten Turmbauten zu Babel illustriert ist? „Eine Zwangsgemeinschaft löst sich auf; was sichtbar wird, sind ihre Wunden“, wird Heft 101 zum „Abriß der DDR“ angekündigt. Die Stasi-Debatten fingen gerade erst an. Christiane Peitz

HEFT 154: Die 30jährigen, 2003

In seinen glorreichen Anfängen verströmte das „Kursbuch“ die Aura einer Schulungslektüre. Auf dem Deckel waren die Autoren und ihre Aufsatz-Titel wie auf einer Tagesordnung verzeichnet. Abhandlungen wollten nicht bloß gelesen werden, man musste sie durcharbeiten, mit einem Stift in der Hand, der dann – ein Beispiel aus meiner kleinen „Kursbuch“Sammlung – Sätze markierte wie „Daraus geht hervor, dass die Bürokratie die Technokraten heute administrativ wie materiell bekämpft.“ Im Dezember 2003 erscheint das Kursbuch 154 über „Die 30jährigen“. Auf dem Cover ein Farbfoto, ein Mann mit nacktem Oberkörper und eine junge Frau in enger Umarmung. Der dozierende Jargon ist verschwunden, das Politische bis auf Spurenelemente verdampft. „Seit ich Vater bin, interessiere ich mich nicht mehr so für meine Eltern“, heißt es an einer Stelle. Es geht um das eigene Leben, um die Generation der „Nutellakinder“ und ihr Hadern mit dem Erwachsenwerden. Katastrophen sind ewiges Singledasein oder die erste Entlassung, die Euphorie wartet im Nachtleben, das Glück liegt im Kinderwagen. „Dreißig Jahre Hass“, ein schönes Fazit, „vorbei“. Nach den „ 30jährigen“ habe ich kein Kursbuch mehr gekauft. Christian Schröder

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben