Ende des Lindenberg-Musicals in Berlin : Ein letzter Blick hinter den Horizont

Zum letzten Mal läuft heute am Potsdamer Platz das Musical "Hinterm Horizont". Was dann aus dem Theater wird, ist unklar - 143 Mitarbeiter werden entlassen.

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Ab dem 29.8.2016 ein Geisterhaus: das Theater am Potsdamer Platz
Ab dem 29.8.2016 ein Geisterhaus: das Theater am Potsdamer PlatzFoto: Stage Entertainment

Das Musical ist ein klassisches Happy- End-Genre. Sosehr die Gefühle im ersten und zweiten Akt der Shows auch für gewöhnlich aufgepeitscht werden – zum Finale ist dann garantiert wieder alles gut. Kein Wunder also, dass in der Unterhaltungstheaterszene nicht gerne über Negatives gesprochen wird, weder über Niederlagen jenseits noch diesseits der Bühne. Im Fall des Theaters am Potsdamer Platz allerdings lässt sich das jetzt leider nicht mehr vermeiden: Am Sonntag fällt am Marlene-Dietrich-Platz der letzte Vorhang. Nicht allein für das UdoLindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ – ab Montag wird das Haus komplett leer stehen. Weil sich im Portfolio des mächtigen Unterhaltungskonzerns Stage Entertainment angeblich kein Titel befindet, der sich hier erfolgversprechend spielen ließe. Darum werden 143 Mitarbeiter entlassen.

Die neue Firmenleitung schaut nur auf die Zahlen

Das künstlerische Personal hatte, wie bei Musicalproduktionen generell üblich, nur Werkverträge, die automatisch mit der Dernière enden. Bitter aber ist es für alle anderen, vom Bühnentechniker bis zur Buchhaltung, die im Januar vom Schließungsbeschluss aus der Konzernzentrale überrascht wurden. Von den elf Bühnen, die Stage Entertainment in Deutschland betreibt, fiel ausgerechnet das Haus im Herzen der Hauptstadt als Erstes dem Sparkurs des neuen Hauptgesellschafters zum Opfer, eines Finanzinvestors namens CVC Capital Partners. Und wie zu Beweis, dass ab jetzt nur noch auf nackte Zahlen geschaut wird, wurde einen Tag später auch noch das Aus der firmeneigenen Ausbildungsstätte in Hamburg bekannt gegeben, der nach dem Firmengründer benannten Joop van den Ende Academy. Das Image von Stage Entertainment in der Öffentlichkeit ist den neuen Machthabern in der Amsterdamer Zentrale offensichtlich völlig egal. Soll man sie ruhig Heuschrecken nennen.

"Hinterm Horizont" lief fünfeinhalb Jahre

Wenn es um die Entwicklung eigener Stücke geht – bislang der Stolz des deutschen Ablegers von Stage Entertainment –, müssen die Kreativen künftig als Bittsteller nach Holland reisen und dort den Nachweis erbringen, dass sich die Inventionen auch lohnen. Ob es unter diesen Bedingungen überhaupt noch zu einer Uraufführung wie „Hinterm Horizont“ kommen kann, die sich zum Dauerbrenner mit fast fünfeinhalb Jahren Laufzeit und mehr als zwei Millionen Besuchern entwickelte, ist bislang völlig unklar.

Und auch der Leerstand einer der auffälligsten, immerhin von Architektenstar Renzo Piano gebauten Kulturimmobilien Berlins ist der Stage-Führung wurst. Obwohl sie einen Mietvertrag bis 2022 abgeschlossen haben. Die undankbare Aufgabe, einen Untermieter zu finden, wurde von Amsterdam an die Hamburger Filiale delegiert. Doch sowohl ein Betrieb des 1750-Plätze-Saals als Kino wie auch eine Nutzung für Pop- und Rockkonzerte dürfte sich kaum rechnen – weil die Höhe der Miete, die bei drei Millionen Euro pro Jahr liegen soll, auf eine Dauerbespielung des Hauses ausgelegt ist. Klar ist darum bis jetzt nur, dass im November im Theater am Potsdamer Platz wieder die „Bambi“-Trophäen verliehen werden und dass die Berlinale weiterhin im Februar das Gebäude als Hauptspielstätte des Filmfestivals nutzen wird.

Drei deutsche Musical-Häuser wurden schon dicht gemacht

Es ist nicht das erste Mal, dass in Deutschland an einer extra für den Musicalbetrieb erbauten Bühne die Lichter ausgehen. In Bremen ging das 1999 mit „Jekyll & Hyde“ eröffnete Haus 2006 bankrott, in Duisburg, wo man 1995 auf „Les Misérables“ gesetzt hatte, musste der Spielbetrieb bereits nach vier Jahren eingestellt werden. Für beide Gebäude wird derzeit der Abriss erwogen. In Essen hatte man 1996 eine Industriehalle zum „Colosseum Theater“ umgebaut: Nach 14 Jahren war auch hier Schluss, seit 2010 fungiert der Eigentümer Stage Entertainment hier nur noch als Vermieter für Fremdveranstaltungen.

Mit 17 Jahren Betriebszeit liegt das 1999 eröffnete Theater am Potsdamer Platz bei der Überlebensdauer von Musical-Spekulationsobjekten also im soliden Mittelfeld. Immerhin ist es der deutschen Sektion von Stage Entertainment gelungen, mit dem Betriebsrat einen Sozialplan für die Angestellten auszuhandeln sowie eine Auffanggesellschaft zu gründen, die sich um Weiterbildung und Umschulung kümmert.

Udo Lindenberg schweigt bislang zum Theatertod

Von Udo Lindenberg übrigens war bislang kein kritisches Wort zum Geschäftsgebaren der Stage Entertainment oder zur Schließung des Theaters am Potsdamer Platz zu hören. Weil „Hinterm Horizont“ am 10. November in Hamburg herauskommt, sprudeln die Tantiemen für den Panikrocker ja auch weiterhin prächtig. „Ihr wart geilomat“, ließ er zum Ende der Berliner Ära des East-West-Side-Musicals verkünden, und die hanseatische Produktion im Operettenhaus am Spielbudenplatz nannte er: „Das geilste Geschenk zu meinem 70. Geburtstag.“ Na dann ist ja alles wieder klar auf der Andrea Doria.

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