Kultur : Ende einer Dienstfahrt

Erinnerung an einen Tyrannenmord: Das Technikmuseum rekonstruiert „Das Heydrich-Attentat“

Thomas Lackmann

Als Josef Gabcík am 27. Mai 1942 um 10 Uhr 35 seine Maschinenpistole unter dem Trenchcoat hervorzieht, in der Haarnadelkurve an der Tramhaltestelle dem verlangsamten Mercedes-Cabrio Reinhard Heydrichs entgegenläuft und auf den „Henker von Prag“ feuern will, versagt die britische Waffe den Dienst.

Der Einsatz Gabcíks und seines Kameraden Jan Kubiš war seit Monaten geplant worden. Dafür hatten sich zwei Fallschirmspringer der tschechischen Exilarmee – Gabcík ist von Haus aus Heizer, Kubis Schlosser – einer Agentenausbildung in Schottland unterzogen. Gabcíks letzter Tagebucheintrag lautet, er sei „für eine besondere Aufgabe ausgewählt“: die „Operation Anthropoid“. Das Geheimdienstkonzept zur Ermordung Heydrichs, des als stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren und Chef des Reichssicherheitshauptamtes gefürchtetsten Nazi-Führers im deutsch besetzten Europa, hatte Anfang 1942 mehrere Attentats-Versionen aufgelistet: (a) in die Prager Burg oder (b) in sein Büro zu gelangen, (c) eine Bombe in seinem Wagen oder seinem Bahnabteil zu platzieren, (d) seinen Zug in die Luft zu sprengen, (e) die Straße auf seiner Route zu verminen oder (f) „shooting him when he is appearing at some ceremony“. Im Februar erschien „Heydrich Gestapo Executioner“ auf dem Cover des „Time Magazines“, im Hintergrund Henkersschlingen. Ein Halifax-Langstreckenbomber setzt die Attentäter und zwei weitere Fallschirmjägergruppen, bedrängt von Flakbeschuss, deutschen Abfangjägern und böhmischen Nebeln, hundert Kilometer vom geplanten Absprungort bei klirrender Kälte ab. Einer verstaucht sich bei der Landung den Fuß.

Die Story enthält Elemente eines Thrillers – und einer antiken Tragödie. „Das Heydrich-Attentat“ heißt eine Ausstellung des Militärhistorischen Instituts in Prag, die dort 2002 gezeigt wurde. Jetzt ist die Dokumentation des einzigartigen Mordanschlags im Deutschen Technikmuseum zu sehen: als Labyrinth ineinander verschränkter Themen und Zeitabschnitte.

Zur Vorgeschichte gehört das Münchner Abkommen von 1938 zwischen Deutschland, Italien, England und Frankreich: als die Tschechoslowakei mit dem Sudetenland mehr als ein Drittel ihres Terrains und ihrer Bevölkerung an Deutschland verlor. Die folgende Einverleibung der Rest-Tschechoslowakei, einer der weltweit höchstindustrialisierten Regionen, war im März 1939 ein rüstungspolitischer Coup. Hitlers Bluthund Heydrich wurde 1941 nach Prag gesandt. Er versuchte, die Bevölkerung durch bessere Versorgung und Massenhinrichtungen zu befrieden – und provozierte durch seine Exekutionen tschechischer Generale die Exilarmee in England zurückzuschlagen.

Die Ausstellung erzählt diese Chronik durch Asservate aus dem Gestapo-Archiv, durch Dokumente, Texte, einen Dokumentarfilm und Installationen. Im sakralen Oktagon-Kabinett der tschechischen Kronjuwelen (Kopie) demonstriert man Heydrichs Sakrileg, Schlüsselinhaber des Nationalschatzes gewesen zu sein, und zitiert einen alten Fluch, der binnen Jahresfrist jedem unwürdigen Berührer der Krone den Tod bringen soll. Heydrichs schwarzes Cabrio manifestiert die Schicksalstat. Grabnischen einer Prager Krypta, übersät mit Utensilien der sieben Exilsoldaten, die dort belagert von der SS starben, erinnern an die letzte Zuflucht der Attentäter und ihrer Kameraden. Ein verbrannter Baum steht für das Ausmaß der deutschen Vergeltung, die Auslöschung der Dörfer Lidice und Lezaky.

Nach ihrem Absprung waren Gabcík und Kubis zu einer Widerstands-Familie nach Prag gelangt. Ihren Auftrag behalten sie für sich. Sie flirten mit Mädchen in Tanzsälen, erforschen Attentats- Optionen. Den Tagesplan Heydrichs, der auf einem Landschloss wohnt und – soweit er nicht zur Organisation des Holocaust auf Dienstreise ist – täglich in die Stadt fährt, erhalten sie von einem Diener auf der Prager Burg. Am 27. Mai stehen sie, MP unterm Trench, zwei scharfe Panzergranaten in der Aktentasche, an der Haltestelle. Eine Tram fährt vorbei. Als Heydrich Gabcík mit der MP sieht, befiehlt er zu halten, zieht die Pistole. Kubiš wirft eine Granate, die das hintere Wagentrittbrett trifft und ein Loch ins Blech reißt. Heydrich springt raus, feuert auf die Fliehenden, bricht zusammen. Am 4. Juni stirbt er, in dessen Milz Splitter mit Polsterteilen eingedrungen waren, an Blutvergiftung. Hitler ärgert sich über die Cabrio-„Idiotie“ seines Kronprinzen. Englands Presse bezeichnet die Trauerfeier als „Gangsterbegräbnis nach Mafiosimanier“. Der Verrat eines zu seiner Mutter geflüchteten Fallschirmspringers, der das ausgesetzte Kopfgeld von 10 Millionen Kronen kassiert, führt die Gestapo dann zur Krypta. Am 18. Juni wird Wasser in die Kirche gepumpt: Man will die Täter lebend ...

Den patriotischen tschechischen Blickwinkel dieser Darstellung können deutsche Zuschauer respektvoll nachvollziehen: Stolz auf den einzigen gelungenen Anschlag gegen Hitlers Führungsriege. Der Widerstand gegen Nazi-Deutschland wird als der ausdauerndste in Europa gewürdigt, Kollaboration im eigenen Land allerdings nur am Rande erwähnt. Eine „Annäherung“ an die Figur des Super-Nazis Heydrich, wie sie deutsche Ausstellungsmacher vielleicht interessiert hätte, findet nicht statt. Der historische Thrill und die Faszination des militärisch-technischen Komplexes verdrängen die politische Brisanz des Tyrannenmords.

Grauenhafte Folter hatte am 17. Juni 1942 zum Verrat des Krypta-Verstecks geführt: Ein junger Mann war unter Alkohol gesetzt und vor ein Aquarium geführt worden, in dem das Haupt seiner Mutter schwamm. Vielleicht wären Tschechen und Engländer damals zu solchen Verhörmethoden nicht fähig gewesen; wer möchte heute noch seine Hand für „die Guten“ ins Feuer legen? „Das Heydrich- Attentat“ erinnert aufregend und suggestiv an eine schreckliche, glorreiche Zeit, in der Gut und Böse einander unmissverständlich gegenüberstanden.

Di bis Fr, 9–17.30 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr.

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