Ende einer Galerie : Basel ohne Beyeler

Er war der "Mann mit der Nase" für die höchste Qualität. Die legendäre Galerie von Ernst Beyeler lädt nach 64 Jahren zum letzten Besuch ein.

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Ernst Beyeler 2004 in seinem Museum bei Basel.
Ernst Beyeler 2004 in seinem Museum bei Basel.Foto: picture alliance / dpa

Wenn am kommenden Dienstag die 42. Art Basel eröffnet wird, ist nicht nur einer der bedeutendsten Kunsthändler des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr dabei. Auch seine Galerie, die neben der Kunstmesse den selbstverständlichen Anlaufpunkt aller Sammler bildete, wird es dann nicht mehr geben. Am heutigen Samstag zwischen 11 und 14 Uhr besteht letztmalig die Gelegenheit, die Räume der Basler Galerie Beyeler zu besuchen und bei einem „Apéro“ ausgewählte Werke aus dem Galeriebestand in Augenschein zu nehmen. In Augenschein, mehr nicht – denn anders als früher wird in den bescheiden dimensionierten Räumen der Bäumleingasse 9 nicht mehr verkauft, vielmehr gehen die Bestände zur Auktion bei Christie’s nach London.

Ernst Beyeler, der im Februar 2010 im Alter von 88 Jahren verstarb, hat dies testamentarisch festgelegt, gemeinsam mit seiner Frau Hildy, die zwei Jahre zuvor verstorben war. Ohne Beyeler keine Galerie, das ist nur folgerichtig bei einer Kunsthandlung, die ohne ihren Gründer nicht zu denken ist. Wie das Ehepaar Beyeler kinderlos blieb, so der große Galerist ohne Nachfolger. Wohl niemand hätte in seinem Schatten heranwachsen können.

1947 begann Beyeler in einem kurz zuvor von ihm übernommenen Basler Antiquariat Grafik zu zeigen: japanische Holzschnitte. So begann eine der großen Karrieren des Kunsthandels im Bereich der Klassischen Moderne, vergleichbar denjenigen von Berggruen oder Kahnweiler. Was sie alle drei gemeinsam hatten, war Picasso – die Bewunderung für dessen Kunst wie für das strategische Genie, diese Kunst auch ökonomisch an die Spitze zu führen. Als Beyeler, auf den Picasso dank der überaus sorgfältigen Kataloge der Galerie aufmerksam geworden war, 1966 bei Picasso unter 800 Arbeiten 29 auswählen durfte, bedeutete dies den Sprung an die Spitze des Kunsthandels.

Aus dem bescheidenen Anfang von 1947 wurden 63 Berufsjahre, in denen Beyeler mehr als 300 Ausstellungen organisierte und rund 16 000 Kunstwerke handelte. Gleich zweimal wuchs seine Tätigkeit über den Rahmen der Galerie in der Basler Altstadt, zu der er nie eine opulentere Alternative suchte, hinaus. Das erste Mal war die Gründung der Art Basel, die anfangs als Fortsetzung der Galerie mit anderen Mitteln erschien: Zwei der vier Gründer waren Ernst und Hildy Beyeler. Es waren die Jahre um 1970, als überall neue Märkte für junge Kunst entstanden; kurz vor Basel bereits in Köln. Damals brach sich vor allem die amerikanische Pop-Art Bahn, die in Protagonisten wie Rauschenberg oder Lichtenstein natürlich auch von Beyeler auf höchstem Niveau vertreten wurde. Das zweite Mal war die Gründung der Fondation Beyeler mit der Errichtung eines eigenen Museums im Basler Vorort Riehen. Die Eröffnung 1997 führte Reichtum und Qualität der von Beyeler gehandelten Kunst vor. Die besten Stücke hatte er für sich behalten; und wo dies aus pekuniären Gründen früher nicht möglich war, hatte er Arbeiten zurückerworben, wie etwa „Madame Cézanne“ für 40 Millionen Franken. Das vom italienischen Baumeister Renzo Piano entworfene, von Beyeler höchstpersönlich für die künftig auszustellenden Werke zurechtgetrimmte Museum gilt als eines der schönsten Museen weltweit.

Die Bausumme, rund 75 Millionen Franken, bezahlte Beyeler über seine Stiftung aus eigener Tasche. Auch den Betrieb des Hauses muss die bereits1982 errichtete Fondation bewältigen. Dass dies im Lauf der Zeit zu Budgetproblemen führte, wird Beyeler veranlasst haben, den bei seinem Tod verbleibenden Galeriebestand zu veräußern und mit dem Erlös die Stiftung zu festigen. Sogar den privaten Nachlass hat das Ehepaar per Testament versteigern lassen, bis hin zu dem abgewetzten Schreibtisch, an dem der Händler zu sitzen pflegte.

Persönlicher Besitz bedeutete Beyeler nicht viel. Er war, was alle Sammler, Museumsdirektoren und nicht zuletzt seine Konkurrenten anerkennen, der „Mann mit der Nase“, mit dem richtigen Gespür. Und dem nötigen Quäntchen Glück, so als ihm der US-Stahlbaron Thompson seine Sammlung zur Verwertung überließ, darunter 100 Bilder von Klee, deren größter Teil den Grundstock der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen bildet – ein Museum, das ohne Beyelers Zulieferungen nicht existieren würde. Welch unglaubliche Fülle von Meisterwerken durch seine Hände gegangen war, ließ er sich im Herbst 2007 in seinem eigenen Museum vorführen, in der Leihausstellung „Hommage an Ernst und Hildy Beyeler“.

Da wurden die Picassos, van Goghs, Matisses, Kandinskys und Mondrians, aber auch die Bacons und Warhols vorgeführt, die er verkauft und vermittelt hatte, an betuchte Privatiers wie öffentliche Museen. All das hing einmal in den Räumen der Bäumleingasse. Eine Bronzeskulptur von Alberto Giacometti, einem weiteren Fixstern des Hauses, stand 1960 sogar davor – und leitete den Höhenflug des Schweizer Künstlers auf dem Kunstmarkt ein. Damit ist es heute endgültig vorbei. Was bleibt, ist bereits Legende.

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