Kultur : Ende einer Verwirrung

Ex-US-Außenminister George Shultz diskutiert mit Transatlantikern in Berlins American Academy

Moritz Schuller

Das Weltbild von George Shultz war gleich zweifach aus den Fugen geraten: Erstens war Kalifornien nicht mehr der „Golden State“ und zweitens – ach Europa. Das eine Problem überließ der ehemalige Außenminister der USA seinem Freund Arnold Schwarzenegger. Der will das Land an der Sonne nun wieder golden machen. Dem anderen widmete er sich selbst: Seine eigene Erfahrung mit Europäern wollte sich einfach nicht mehr decken mit dem, was zum Irakkrieg aus Germany über den Atlanktik schallte. Also reiste Shultz am vergangenen Wochenende nach Deutschland – für ein zweitägiges Treffen in der American Academy am Berliner Wannsee.

Ein Treffen von „Big Shots“, wie Hans Magnus Enzensberger sie nannte, alles gestandene Transatlantiker: Michael Blumenthal vom Jüdischen Museum, Josef Joffe von der „Zeit“, Henry Kissinger, die ehemaligen Botschafter John Kornblum und Dieter Kastrup, Clintons diplomatisches Großgeschütz Richard Holbrooke, der Wissenschaftler Hubert Markl, der Chef von Lufthansa, Wolfgang Mayrhuber. Im Verdacht, der Friedensbewegung nahe zu stehen, standen auch die übrigen Teilnehmer der edlen Runde nicht.

George Shultz verkörpert das alte Amerika: Er macht keine Witze über Deutschland, er spricht leise, vorsichtig. Ein außenpolitischer Gärtner, der den direkten Kontakt sucht und nicht die nächste Kamera. „Ich kam hierher und war verwirrt. Jetzt gehe ich zurück mit einem ziemlich guten Gefühl,“ sagt er. Seine Welt ist wieder in Ordnung, dank eines Kurzbesuchs bei seinem Freund Helmut Schmidt, und dank der „intensiven Debatte“ in der Academy. Einig sei sich die Runde gewesen über die von Terrorismus und gescheiterten Staaten ausgehenden Gefahren, berichtet Shultz. Prävention müsse bei alldem die Spielregel heißen, mahnt er zugleich.

Shultz sagt, was hier jeder gerne hört: dass die Welt die UN erfinden müsste, wenn es sie nicht schon gäbe. Und dass Deutschland sich problemorientierter verhalten sollte. „Wenn sich die Deutschen an Amerika abgearbeitet haben, sollten sie kurz durchatmen und sich der Gefahren bewusst werden. Die Bedrohung richtet sich etwas mehr auf die USA, aber sie gilt letztlich der gesamten zivilisierten Welt.“ Ob Deutschland sich im Irak militärisch engagieren solle? Wenn sich die Situation stabilisiere, lautet die Antwort, dann gebe es sehr viel zu tun.

Einigkeit herrscht in der Runde auch über die Unverhältnismäßigkeit der Reaktion Schröders. Ein Arbeitspapier, Grundlage der zweitägigen Diskussion, führt die „AntiKriegs-Rhetorik“ des Kanzlers auf wahltaktische Überlegungen zurück und folgert: „Das meiste weist darauf hin, dass die deutsche Führung die USA weiterhin als ihren wichtigsten strategischen Alliierten betrachtet.“

Auch über die Notwendigkeit des Krieges scheint man sich einig zu sein: „Ein Schwein weniger“ lautet Enzensbergers Bilanz. Und auch Richard Holbrooke gibt zu Protokoll, dass er für den Krieg gewesen sei: „Saddam war schlimmer als Milosevic.“ Selbstkritik ist allerdings auch zu hören. Fehler seien von den Amerikanern eingeräumt worden. „Wir sind ja nicht die einzigen Dummköpfe“, sagt Enzensberger.

Während letzterer sich elegant jedem Versuch entzieht, ihn vor eine Fernsehkamera zu bekommen, diktiert Holbrooke den Medienvertretern bereits Dramatisches: Der Irak sei das „schlimmste außenpolitische Problem Amerikas seit Vietnam. Wir werden 15 bis 20 Mal pro Tag angegriffen, und das kann sich leicht ausweiten.“ Die amerikanische Regierung habe schlicht keine Pläne für die Nachkriegssituation gehabt. Warum nicht? „Weiß ich nicht.“ Den Irak wieder sich selbst zu überlassen, wäre jedoch ein großer Fehler. Stattdessen sollten die USA die Mission „entamerikanisieren“ und die Last des Einsatzes auf mehrere Schultern verteilen.

George Shultz steht abseits, während Holbrooke so spricht. Er blickt auf den halbgemähten Rasen vor der American Academy. Seine Aufgabe betrachtet er offenbar als erledigt.

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