Kultur : Ende eines Herrschers

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf hat ein Herz

für einen alten Kreterkönig

Wieder einmal ist einer Produktion der Deutschen Oper eine geradezu unheimliche Aktualität zugewachsen. Nachdem vor anderthalb Jahren Peter Konwitschnys Inszenierung von Luigi Nonos Polittheater „Intolleranza“ zur direkten Reaktion der Kunst auf die Anschläge vom 11. September wurde, zieht jeder Zuschauer jetzt geradezu unweigerlich eine Parallele vom Irakkrieg zum „Idomeneo“ (wieder heute und am 28.3.). Denn in der Version von Hans Neuenfels ist es ja nicht nur Neptun, der die friedlichen Kreter aufhetzt. Der antike Gott, an den sowieso keiner mehr glaubt und den man vermutlich auch ohne Publikumsprotest entmachten könnte, wird vielmehr von den Stiftern der aktuellen Weltreligionen, von Christus, Mohammed und Buddha begleitet, die eifrig Waffen unters Volk streuen. Das sorgte bei der Premiere natürlich für Aufruhr, erst recht, als der abgedankte König am Schluss der Oper noch einmal mit den abgehauenen Prophetenköpfen auf die Bühne kommt.

Und doch erscheint gerade dieser Schluss jetzt bezwingend: Was bleibt Idomeneo, dem sympathischen Altachtundsechziger, denn anderes übrig? Wer möchte ihm im Angesicht eines neuen Religionskrieges nicht klammheimlich beipflichten, wenn er die Götter aller Parteien einfach vom Sockel stürzt. Auch wenn man ebenso gut wie Idomeneo und Neuenfels weiß, dass dieses Überbordwerfen auch keine Lösung ist – bleibt angesichts des Kriegswahnsinns nur der persönliche Wahnsinn als Ausweg. Womit Neuenfels der Beweis geglückt wäre, dass diese Oper uns noch etwas angeht, auch wenn Mozart sich vieles natürlich ganz anders gedacht hätte. Schließlich ließ sich zur Entstehungszeit des „Idomeneo“ noch kein Schimmer von der Französischen Revolution erahnen, und Opern hatten geschlagene fünf Stunden zu dauern. Aber Theater – gutes Theater – ist nun mal keine Denkmalpflege und die Oper kein Museum. Sondern eine ebenso springlebendige wie kontroverse Angelegenheit.

So weit so gut, wäre da nicht eine Sache, über die die Deutsche Oper denn doch nachdenken sollte. Die Übertitel nämlich, die diesmal noch nötiger als sonst gewesen wären: Weil man vom durchschnittlichen Opernhörer nun mal nicht verlangen kann, die Handlung zu kennen, weil auch das im Opernführer erlesene Grobgerüst der Geschichte nur begrenzt weiterhilft, und weil es einfach mehr Spaß bringt, auf die Musik zu hören und auf die Bühne zu schauen, wenn man einen Fingerzeig von zwei, drei Textzeilen erhalten kann. Denn es muss ja gar nicht der ganze rezitativische Wortschwall sein, ein paar knappe Informationen reichen. Aber vielleicht ist Neuenfels angesichts der heftigen Publikumsreaktion in der Premiere schon zur Einsicht gekommen und hat erkannt, dass Übertitel eigentlich ein gutes Mittel sind, um ein Anliegen zu transportieren. Und um sich zu vergewissern, dass sich das Auge recht schnell daran gewöhnt, den Text zu lesen und gleichzeitig die szenischen Vorgänge im Blick zu behalten, würde es schon ausreichen, wenn er mal ins Kino ginge und sich einen Film im Original mit Untertiteln anschauen würde. Wie wäre es mit „Die Götter müssen verrückt sein“?

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