Kultur : Endlich hört mal einer zu

An der Berliner Alice-Salomon- Fachhochschule kann man jetzt „Biografisches Schreiben“ studieren

Andreas Schäfer

Vor kurzem stand ein interessanter Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die jungen Schriftsteller Sasa Stanisic (der mit seinem Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon reparierte“ gerade fast den Buchpreis bekommen hätte) und Thomas Petzinger – beide Studenten am Leipziger Literaturinstitut – versuchten auf einer ganzen Seite Sinn und Zweck eines Schreibstudiums zu erklären. Der Text, der spielerisch beginnt und mit sympathischer Naivität das Klischee eines jungen Schriftstellers bemüht (Stanisic sitzt mit Notebook und W-Lan im Café), verliert seine gute Laune bald und wird zu einer ziemlich buchhalterischen Klarstellungsrede: Erstens: „In Leipzig lernt man das Schreiben, aber nicht das Leben.“ Zweitens: „Über allem steht der Gedanke der Werkstatt.“ Und drittens: Am Literaturinstitut gibt es keine Seminare für „Medien- und Marktwirksamkeit“.

Wer sich so verteidigt, muss vorher mächtig angegriffen worden sein. Oder zumindest den Eindruck haben, was freilich in der Natur der Sache liegt, denn der Erklärungsnotstand gehört wohl zur Schriftstellerschule wie das Amen zum Vaterunser. Das Schreibstudium als solches – eng verknüpft mit dem Begriff „kreatives Schreiben“ – hat jedenfalls keinen guten Ruf. Zumindest in Deutschland nicht, wo man den Schriftsteller noch immer lieber als Helden der Einsamkeit oder als Nachfahre des romantischen Genies begreift. Der latente Vorwurf – ob eingebildet oder nicht – lautet: Kunsthandwerk, Mittelmaß, formalistische Bastelei.

Gleichzeitig erlebt das „kreative Schreiben“ wundersamerweise gerade einen Boom sondergleichen. Nicht nur jede Volkshochschule bietet Schreibkurse an, auch an jeder Universität kann man „creative writing“-Werkstätten besuchen – von den Dutzenden, das schnelle Krimi- Geld versprechenden Drehbuchschulen gar nicht zu reden. Seit einigen Jahren kann man sich sogar Kreativitäts-Coachs mieten, die einem auf dem „Weg des kreativen Selbst“ begleiten, wie ein Buch der amerikanischen Autorin Julia Cameron heißt, das in Dutzenden Übungen Schreiben und Spiritualität kurzschließt.

Warum dieses große Interesse? Träumen genauso viele, also Hunderttausende, vom Schriftstellersein wie von einem Leben als Popstar?

Für Claus Mischon ist die Sehnsucht nach Ruhm nur die zu vernachlässigende Oberfläche eines Phänomens. Für ihn ist das Schreibbedürfnis Ausdruck einer tiefen Schreibkrise, womit nicht die Schreibblockade eines Autoren gemeint ist, sondern der gesellschaftliche Verlust einer ganzen Kulturtechnik. „Die Menschen können nicht mehr erzählen.“ Das Leben werde aber immer unübersichtlicher, und mit der Unübersichtlichkeit rücke als Fixpunkt das in den Vordergrund, was Einheitlichkeit und Sicherheit verspreche: die eigene Biografie. Doch wie spricht man von sich, wenn man nie gelernt hat, eine Geschichte zu erzählen und – was vielleicht noch wichtiger ist – Distanz zu sich selbst zu entwickeln?

Claus Mischon ist Schreibdozent und Autor, und seit dem Herbstsemester lehrt er im neugegründeten Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ an der Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem „biografischen Schreiben“. Das Besondere an dem neuen Studiengang ist, dass er Studenten weder (wie in Leipzig) zum Schriftsteller ausbildet noch (wie in Hildesheim) zum Kulturjounalisten, sondern sie vielmehr befähigen möchte, selbst Schreibseminare abzuhalten.

Wie der Name der Hochschule sagt, steht das Soziale hier im Vordergrund. Therapeuten, Sozialarbeiter, Pädagogen: Zur Zulassung wird nicht nur eine künstlerische Mappe benötigt, sondern auch ein Erststudium in einem „relevanten Fachbereich“ (wobei Ausnahmen die Regel bestätigen). „Das Studienkonzept umfasst zwei mediale Grundelemente: das Präsenzstudium und die internetbasierte Lehre und Kommunikation.“ Soll heißen: Gruppenseminare am Wochenende wechseln sich mit umfangreichen Hausaufgaben ab. Nach dem viersemestrigen Studium (das stolze 4400 Euro kostet), sollen die Absolventen zur Arbeit mit Seniorengruppen, Zeitzeugen, Jugendlichen und Menschen in Lebenskrisen befähigt sein.

Was die meisten freilich jetzt schon tun. Den Eindruck gewinnt zumindest, wer sich mit Erstsemestern in einem Café trifft, am Tag nachdem das Kompaktseminar zum Thema „Biografisches Schreiben“ stattgefunden hat. Rolf Gundelach, mit Anfang dreißig einer der Jüngsten, arbeitet als Sozialpädagoge mit Jugendlichen, hat aber auch auf Kindergeburtstagen als „Clown Rolli“ seine regelmäßigen Auftritte. Die Sozialarbeiterin Sabine Samonig hat sich im Bezirk Moabit um vernachlässigte Kinder gekümmert, während Andrea Lenz, ebenfalls Sozialpädagogin, als Krisenbegleiterin in therapeutischen Wohngemeinschaften und in der Familienpflege arbeitet. Einzig Gitta Schierenbeck ist sich über ihr späteres Arbeitsfeld noch nicht ganz im Klaren: Dieses fände sich wohl eher in der Wirtschaft.

Noch etwas fällt auf: Die Gruppendynamik funktioniert prächtig. Das Gespräch galoppiert dem Thema gut gelaunt voraus, führt über ein Buch von Henning Mankell, das Sabine Samonig begeistert hochhält, zur Frage, ob Fotos Erinnerungen auslösen oder eher verhindern: „Auslösen“, sagt Gitta Schierenbeck, „verhindern“, findet Rolf Gundelach, „denn die Bilder hab ja nicht ich, sondern die haben meine Eltern gemacht.“ Und am Ende steht die Einschätzung, dass es gar keine Schreibkrise gibt: „Die Jungen schreiben doch permanent: SMS, Mails. Genau da möchte ich sie abholen.“ (Gundelach). Deshalb muss das Thema zwischendurch immer wieder mit dem Lasso einer schnöden Frage eingefangen werden: Wie genau lief das Wochenende denn ab?

„Im Grunde gab es Übungen zu zwei Aspekten: Wie öffne ich die Tür zur Erinnerung?“ (Samonig) Und: „Wie bearbeite ich die Erinnerung?“ (Gundelach). „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten!“ (Schierenbeck). Arbeitsblätter werden herumgereicht, auf denen Begriffe wie „Genogramm“, „politische Biografie“ und die Fragen „Leben damals war ...?“ und „Leben heute ist ...?“ zu lesen sind. Aha. Und was ist ein Genogramm?

Ein Genogramm ist ein Familienstammbaum, in dem darüber hinaus auch die Qualität der Beziehungen der Einzelnen untereinander verzeichnet wird. Wer mit wem verstritten war oder ist. Zwischen wem aggressives oder freundliches Schweigen herrscht, und welche Rolle man selbst darin spielt. In einer anderen Übung stellt man sich das eigene Leben als Roman vor, den man in fünfzehn Kapitel unterteilt. Allein die Überschriftensuche löse einen Strom von Assoziationen aus und ermögliche gleichzeitig, das überbordende Material zu bändigen. Es gehe aber nicht nur um das Schreiben, sondern auch um das „Teilen von Erinnerung“. Andrea Lenz sagt: „Ich habe schon mit Senioren im Altenheim Schreibworkshops gemacht. Das war ein voller Erfolg. Was glauben Sie, was da für Geschichten warten. Und endlich hört mal jemand zu.“ Kunsthandwerk hin oder her; die Sache scheint inspirierend viel Spaß zu machen.

Alle weiteren Informationen unter: www.asfh-berlin.de

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