Kultur : Endliches Endenwollen

MARTIN WILKENING

Darstellungen des Todes sind der Musik in allen Kulturen besonders nah, in ihr spiegeln sich Grunderfahrungen der Zeit, aber auch des Raumes, mit formelhaften Wiederholungen vermag sie Aufhebung von Zeit zu suggerieren und Dauer zu beschwören, ihr bloßes Tönen als Laut vermag das Böse zu bannen.Wenn Mauricio Kagel in seinem "Finale mit Kammerensemble" sozusagen ein Stück über das Ende des Endens schreibt, dann ist das im Rückblick noch einmal eine ironische Auseinandersetzung mit einer Musikkultur, für die das Problem des sinnvollen Schließens immer mit im Zentrum kompositorischer Reflexion stand.

So ist diese Musik auch voll von vertrauten Anspielungen bis hin zu Zitaten, von Zeichen des Endenwollens und der Vorbereitung darauf.Weil aber diese Problematik nicht bloß thematisch abgehandelt wird, sondern in der Setzung dieser Zeichen eigene künstlerische Form gewinnt, entwickelt das Stück seine ganz eigene, ebenso unheimliche wie berührende Schönheit.Wenn etwa die Musik mit einzelnen Schlägen der großen Trommel in dumpfer Todessymbolik verstummt, diese Schläge dann aber zögernd von kleineren Schlaginstrumenten und schließlich von Hupen fortgeführt werden, ist das eine Clownerie, die einem dennoch den Schrecken in die Glieder fahren läßt - ein Operntod in der Szenerie der Großstadt.Daß am Schluß, der dann doch noch nicht der Schluß sein wird, schließlich auch der Dirigent zusammenbricht, versetzte im Kleinen Saal des Schauspielhauses nicht wenige Zuschauer in Aufregung - Peter Rundel, der das Ensemble UnitedBerlin leitete, mußte seinen sportiv überzeugenden Sturz gut geprobt haben (Kagel selbst, diesmal unter den Zuhörern, hatte diese Geste als Dirigent vor einigen Jahren in Berlin eher elegant realisiert, durch Griff zum Herzen und eine weiche Drehung in den Knien).Mit seinen Geistesverwandten im Beschwören musikalischer Zeichen wirkte das von Kagel zusammengestellte Programm überzeugend wie selten ein Konzert: Busonis "Berceuse élégiaque", Janáceks "Concertino" und die "Chansons madécasses" von Ravel, bei denen der enorm steigerungsfähige Bariton Dietrich Henschel allerdings allzuoft den geforderten kammermusikalischen Ton verfehlte.

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