Kultur : Endlose Schleifen

Mathematik und Baukunst: das gefeierte Büro „UN Studio“ im Frankfurter Architekturmuseum

Christian Huther

Der Name ist Programm: „UN Studio“ ist ein „United net“, ein Netzwerk für Architekten, Stadtplaner, Ingenieure und Designer. Entsprechend ganzheitlich bis hin zu politischen und wirtschaftlichen Einflüssen denken und planen die Gründer, der Amsterdamer Architekt Ben van Berkel und seine Frau, die Kunsthistorikerin Caroline Bos. Die Infrastruktur ist ihnen ebenso wichtig wie die Tragwerksplanung. Im Mittelpunkt aber steht der Nutzer. Diese Parameter werden mittels Diagrammen analysiert. Das klingt nach trockener Arbeit, aber bisher entstanden daraus ästhetisch bestechende Bauten.

Spektakuläre Beispiele sind die asymmetrische, an eine Harfe erinnernde Brücke in Rotterdam (1996) und die Möbius-Villa bei Amsterdam (1998) mit ineinander verschlungenen Ebenen. Komplex verschachtelte Räume sind das Markenzeichen von Berkel & Bos. „Entwicklung des Raums“ heißt auch ihre erste Übersichtsschau im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main. In Deutschland sind sie nur mit dem Ausbau der Berliner Aedes East Galerie und im Wettbewerb für die Erweiterung des Berliner Bauhaus-Archivs aufgetreten, zudem lehrt Berkel seit fünf Jahren an der Frankfurter Städelschule.

Doch im Mai wird ihr größtes Projekt in Deutschland eröffnet, das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart. In Frankfurt steht es im Zentrum der Ausstellung, die aber keine traditionelle Architekturschau ist. Denn Berkel & Bos haben das Erdgeschoss des Museums in eine dreidimensionale Grafik verwandelt. In der begehbaren Filzinstallation sind 16 Projekte an Skizzen und Modellen in diversen Entwicklungsstadien zu verfolgen; an den Wänden linker und rechter Hand hängen Fotos der realisierten Bauten.

So lässt sich nachvollziehen, dass etwa die Möbius-Villa aus dem Wunsch eines Paares entstand, den häuslichen Lebens- und Arbeitsrhythmus abzuteilen. Da bot sich die Endlosschleife von Möbius an: Das Ende eines Bandes wird um 180 Grad gedreht und mit dem Anfang verbunden. Jetzt gibt es im verschlungenen Haus gemeinsame und getrennte Bereiche. Von außen sieht man nur einen langen, gezackten und niedrigen Bau.

Ebenfalls von einem mathematischen Modell angeregt wurde das Benz-Museum, das in Frankfurt an einem ungewöhnlich großen Modell für die Lichtplaner (Maßstab 1:24) zu sehen ist. Stärker noch als im Möbius-Haus spielt hier die Bewegung über drei Ebenen eine Rolle. Denn nicht nur von außen ähnelt das Museum einem runden Parkhaus, auch innen schieben sich scheinbare Auf- und Ausfahrten ineinander. So werden zwei Themen – die Auto- und die Unternehmenshistorie – miteinander verbunden und durch Seitenarme wieder unterbrochen. Tatsächlich jedoch basiert das Museum auf einer Doppelhelix, die um 120 Grad gedreht und leicht versetzt wird. Solch ein faszinierend in sich gedrehter Betonbau wäre ohne digitales Entwerfen nicht denkbar. Aber Architektur ist nicht nur das kühne Variieren der Geometrie, auch wenn Berkel & Bos das derzeit erfolgreich betreiben.

Frankfurt am Main, Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, bis 30. April. Katalog 15 €.

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