Kultur : Endstation Armut

Wo wir sind, ist Deutschland: die Berliner Volksbühne in Buenos Aires

Peter Laudenbach

Ob Frank Castorf in Berlin bleibt? Die Chancen stehen, Folge des verwirrenden Wahlausgangs, etwa fünfzig zu fünfzig. Wenn Angela Merkel Kanzlerin wird, muss Castorf ernsthaft darüber nachdenken, ob dieses Land ihn verdient hat. Sagt er, weit weg von Deutschland und zu vorgerückter Stunde. „Dann inszeniere ich halt die ,Olsenbande’ in Kopenhagen.“

Derzeit wird die Volksbühne bei Gastspielen in Argentinien und Brasilien gefeiert wie zu ihren besten Zeiten in Deutschland. In Buenos Aires waren die vier Vorstellungen von Castorfs „Endstation Amerika“ im Teatro San Martin ausverkauft: 5000 euphorisierte Zuschauer. Das argentinische Publikum ist ungemein aufmerksam, wach und theatererfahren. Die nicht gerade unanstrengende Erzählweise der Volksbühne löst hier keine Abwehrreflexe aus, auch keine szene-snobistischen Auskennerposen, sondern pure Neugier.

Zum Beispiel darauf, ob die Videospiele und der Pop-Müll der Geräuschkulisse ein Protest gegen die „elektronische Umweltverschmutzung der Medien“ seien – und wenn ja, weshalb die Inszenierung dann diese Zumutung noch steigert. Castorf, ganz Botschafter deutscher Kultur im Ausland, erzählt dann, dass es im deutschen Fernsehen eine Sendung gibt, in der Geburten ausgiebig und im Detail gezeigt werden: Intimität als Ware, die Gesellschaft des Spektakels als Endlosschleife. Das real existierende Delirium des Privatfernsehens überbietet mühelos jeden Alptraum von Guy Debord. Und weil das überall so ist, wo es Fernsehen gibt, verstehen die Zuschauer Castorfs Widerwillen sofort.

Sehr ernst und genau sind die Fragen, die bei den Publikumsgesprächen an den Volksbühnenchef gestellt werden – fern von der mitunter muffigen Aggression Berlins. Kein Wunder, dass ein bestens gelaunter Castorf irgendwann laut darüber nachdenkt, dass er gleich in Buenos Aires bleiben könnte. Mit der gemurmelten Grübelei („Das geht doch nicht, dass die Merkel mich regiert, schon aus sexistischen Gründen nicht...“) dürfte der Volksbühnenchef das deutsche Volksempfinden wieder einmal unangenehm direkt auf den Punkt gebracht haben: Der Stammtisch, das bin ich. Oder, um es mit Thomas Mann zu sagen: Wo ich bin, ist Deutschland.

Auch ohne Castorfs Kommentare wirkt der Bundestagswahlkampf von Buenos Aires aus betrachtet, seltsam gespenstisch. In einem Land, in dem die Hälfte der Menschen weniger als 200 Dollar im Monat verdient, klingen die deutschen Krisenängste zwangsläufig ein wenig albern und dekadent. Gleichzeitig entwickelt in dieser Perspektive die Debatte über die notwendige Reform der Sozialsysteme eine Härte, von der wohlstandsverwöhnte Bundesbürger nichts ahnen.

Die soziale Spaltung der Gesellschaft, die SPD und Grüne im Wahlkampf als Ziel einer konservativ-wirtschaftsliberalen Politik beschworen haben, ist in Argentinien Realität. Und das bedeutet nicht Hartz IV, sondern Armut. In Buenos Aires, vor dem Zusammenbruch der Wirtschaft Ende 2001 eine reiche Weltstadt, schlafen nachts Hunderttausende auf Pappkartons und unter Plastikplanen auf den Gehwegen. Die Mittelschicht ist kollabiert, die Unterschicht bettelt. Nachts bringen Busse Menschen aus den Slums in die Innenstadt. Sie durchforsten den Müll nach Pappe und Plastik – Material, das sie für ein paar Pesos weiterverkaufen können. Argentinien ist bei Rohstoffen, Landwirtschaft und Bildungsstandard eines der reichsten Länder der Welt. In den Neunzigerjahren galt das Land als Muster deregulierter emerging markets: Privatisierung fast aller öffentlichen Einrichtungen, partielle Selbstabschaffung des Staates und kollektive Illusion wachsenden Reichtums – anders gesagt: ein Traum der FDP. Dann kam der Crash. Der Kater nach dem neoliberalen Rausch hält bis heute an.

Soziale Spaltung bedeutet auch: partielle Blindheit. Wer jeden Abend nach einem Geschäftsessen, beim Einkaufen oder auf dem Weg ins Kino Menschen sieht, die im Müll wühlen, sieht sie irgendwann nicht mehr. Ohne diese Blindheit lässt sich kein bürgerlich-normales Leben führen. In Buenos Aires bedeutet das, dass die Behauptungen von bürgerlicher Normalität in die Fiktion kippt. Diese Fiktion wird aggressiv verteidigt. Zum Beispiel von privaten Wachdiensten, die in der Konsum-Zone Bettler am Eingang der Kaufhäuser und CD-Shops auf Distanz halten. Im Business-Viertel am Hafen verkaufen Sushi-Restaurants das Gefühl von weiter Welt, eine Straße weiter betteln Kinder.

Die schöne Vokabel der „Parallelgesellschaft“ ist in Buenos Aires Geschäftsgrundlage und kollektive Lebenslüge. Die eine Hälfte der Gesellschaft lebt vom Müll. Die andere geht ins Kino. Zum Beispiel in Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“, der hier in einem großen Kino läuft. Das Kinoangebot ist üppig, es gibt 200 Theater und eine blühende Off-Szene. In der Oper läuft „Wozzeck“, parallel zur Volksbühne gastiert Laurie Anderson. Und wenn man aus dem Konzert oder den Theater kommt, steigt man über Menschen, die im Müll schlafen. Heiner Müllers polemische, pathethische Formel von den großen Kunstwerken, die „Komplizen der Macht“ seien, wirkt hier wie eine nüchterne Tatsachenfeststellung.

„Wer draußen ist, kommt nicht mehr vor in der Wahrnehmung“, sagt eine linke Intellektuelle aus Buenos Aires bei Castorfs Premierenparty. „Das ist, als würde man die Armen am liebsten vergiften wie Ungeziefer. Sie sollen einfach das Bild nicht stören.“ Deutlicher kann man nicht benennen, was soziale Spaltung bedeutet.

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