Kultur : Endstation Gähnsucht

Familienbande: August Diehl spielt Eugene O’Neill im Renaissance-Theater – mit Frau und Vater

Frederik Hanssen

Eine Mondnacht in Connecticut: Josie, die derbe Farmerstochter, hat Besuch von ihrem Nachbarn James Tyrone, einem trunksüchtigen Möchtegernschauspieler. Es soll um Sex gehen – aber die Situation kippt, James lässt plötzlich seinem Selbstmitleid freien Lauf, rollt die Geschichte vom Tod seiner Mutter auf, erzählt jammernd, wie er am Sarg nicht weinen konnte, wie er die Leiche quer durch Amerika überführen musste und sich während der ganzen Fahrt mit einer Hure vergnügt hat. Am Ende ist er ein Häuflein Elend, und Josie opfert sich, bettet seinen Kopf an ihre Brust, lässt ihn, zum ersten Mal seit langem, albtraumlos schlafen.

Das Renaissance-Theater zeigt Eugene O’Neills „Ein Mond für die Beladenen“ und liegt damit im Trend: In jüngster Zeit haben diverse Bühnen das 67 Jahre alte Stück mit der außergewöhnlichen Liebesszene wiederentdeckt. Das Seelendrama schreit geradezu danach, ins Heute übersetzt zu werden. Gottverlassene Käffer gibt es auch in Brandenburg, ebenso wie ertraglose Höfe, deren Pächter dennoch untrennbar mit ihrer Scholle verwurzelt sind. Der Ölbaron, der bei O’Neill zur Bedrohung von Josie und ihrem Vater Phil wird, wäre ein Landadliger, dessen Güter restituiert wurden, den Broadway-affinen James würde es in die Berliner Vergnügungsviertel ziehen. Doch Regisseur Frank Hoffmann lässt das Seelendrama texttreu 1923 spielen, auf einer von Karl Kneidl zugerumpelten Bühne mit US- Flagge, Strommasten und Metallbetten.

Brav und bieder wird die Geschichte bebildert, immer am Text entlang. Marianne Wentzels staubige Übersetzung aber findet mit ihren verzopften Schimpfwörtern („krummer alter Bock“, „faule Kuh“) nicht den Sound für die rohe Proletensprache, mit der sich die Protagonisten in ihrer emotionalen Verpanzerung beharken. So kann sich schon sprachlich die Atmosphäre gar nicht wandeln, wenn in der Mondnacht plötzlich zärtlich gesprochen wird, wenn Josie ihre Schlampenfassade fallen lässt und James nicht länger den coolen Aufreißer spielt.

Mit August Diehl bietet das Renaissance-Theater einen der großen deutschen Jungstars auf, der sein Talent gerade wieder als aasiger Nazigeneral in dem Tarantino-Film „Inglourious Basterds“ unter Beweis gestellt hat. Neben ihm spielen sowohl seine Frau als auch sein Vater. Um das heikelste Problem des Stücks, dass nämlich die beiden männlichen Hauptdarsteller Alkoholiker sind – was leicht in optische Peinlichkeiten ausartet –, drückt sich die Inszenierung, indem beide gar nicht erst versuchen, die Besoffenen zu mimen. Überhaupt pflegt Hans Diehl einen eigenwilligen Blick auf seine Figur, nimmt dem harten Hund Phil alles Abgründige und ersetzt es durch eine komödiantische Putzigkeit als wär’s ein Stück von Molière.

Julia Malik müht sich dagegen mit tiefergelegter Stimme und schlenkernden Schultern nach Kräften um Ruppigkeit, wirkt mit ihrem makellosen Seriendarstellerinnen-Körper in der Rolle der Bauerngöre aber dennoch fehlbesetzt.

Und August Diehl? Hat einen langen, sehr langen, stummen ersten Auftritt, halb James Dean, halb komischer Kauz. Er strahlt, im Gegensatz zu seinen Mitspielern, innere Kraft aus, er vermag die Stimme so zu senken, dass man ganz genau zuhört, er kann seine Hände sprechen lassen, wenn er sie in den Jackettaschen vergräbt, und auch, wenn sie wieder herausgleiten. Letztlich aber kommt auch er nicht an gegen den flauen Naturalismus dieser Produktion von den Ruhrfestspielen Recklinghausen: Endstation Gähnsucht.

Wieder ab heute bis 27. Oktober sowie vom 25. bis 29. November.

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