Kultur : Endstation Marzahn

An der Berliner Schaubühne inszeniert Thomas Ostermeier Georg Büchners„Woyzeck“ im Plattenbau-Ambiente

Peter Laudenbach

Betritt man die Berliner Schaubühne, landet man in der Gosse. Ein schmieriger Kiosk zeugt von Resten menschlichen Lebens, unter einem riesigen Abflussrohr fault eine Kloake und am gemalten Rundhorizont stehen Plattenbauten im glühenden Rot-Grün der Abenddämmerung. Ein Buckliger (Udo Kroschwald) schleppt seinen mächtigen Bierbauch an den Kiosk, trinkt den Kaffee mit Schnaps, und auch der Kioskbesitzer (Ronald Kukulies) sieht nicht so aus, als würde er vom Leben mehr erwarten als Büchsenbier und Junkfood.

Woyzeck, ein verstörter Mensch (Bruno Cathomas), der in der Kloake nach Fröschen sucht, blickt bei einem Hubschraubergeräusch stumm und verängstigt nach oben – als würde das Dröhnen den Einsturz des Himmels ankündigen. Der Mann sieht Gespenster. Er scheint dem Boden nicht zu trauen: Wer weiß, ob die Erde nicht vielleicht hohl und der Abendhimmel in Wirklichkeit ein Feuer ist. Eine archaische, bäuerische Figur, ein von der Moderne ausgespuckter Mensch, der mit eingezogenen Schultern und kindlich staunendem Blick durchs Leben geht. Die Welt ist ihm ein Geheimnis, in dem überall unabsehbare Gefahren lauern. Dass ihn eine plötzlich auftauchende Vorstadt-Gang wortlos zusammenschlägt, nimmt er hin wie eine Selbstverständlichkeit, ein wiederkehrendes, stoisch ertragenes Ritual: Sozialer Austausch in der sprachlos verrohten Variante.

In Thomas Ostermeiers Inszenierung hat es Georg Büchners Woyzeck an den Stadtrand, an die soziale Abraumhalde verschlagen. Ist bei Büchner der halbwahnsinnige Soldat Woyzeck die getretene Kreatur, ein Deklassierter, den sozial Bessergestellte zum Objekt entwürdigen, so sind an der Schaubühne jetzt alle asozial: natural born losers. Einerseits blendet die Inszenierung so das wichtigste Motiv von Büchners sozialem Drama aus, den schmerzhaften, kalten Klassenunterschied, den Krieg der Reichen gegen die Armen. Gleichzeitig gewinnt Ostermeier aber eine genauere Perspektive darauf, wie heute soziale Brutalität, gesellschaftliche Marginalisierung funktioniert: Nicht mehr unbedingt als Ausbeutung, sondern als sozialer Ausschluss, der Menschen zu Ausschuss, zu etwas Überflüssigem macht. Wer draußen ist, fällt aus allen gesellschaftlichen Bezugssystemen - und wird, anders als bei Büchner, nicht einmal mehr als Soldat oder Diener gebraucht. Nicht oben oder unten ist die entscheidende Leitdifferenz, sondern drinnen oder draußen, Inklusion oder Exklusion.

Aus Büchners Hauptmann ist an der Schaubühne ein breitbeiniger Zuhälter im schlecht sitzenden Anzug geworden (Felix Römer). Seine Brutalität gibt sich gerne gemütlich, seine goldkettchenklimpernde Selbstinszenierung parodiert bürgerliche Respektabilität. Der Arzt, der mit Woyzeck medizinische Experimente veranstaltet, ist zum sadistischen Schläger mutiert, der gerne pseudowissenschaftlichen Unsinn redet und noch lieber Katzen foltert oder Menschen quält. Kay Bartholomäus Schulze spielt ihn als kahlgeschorenen Zwangsneurotiker mit zusammengekniffenen Lippen, gefährlich und kalt: Der Asoziale spielt Herrenmensch, der Kaputte schwadroniert wirren Bildungsmüll. Von Büchners Spott über den Glauben an Wissenschaft und Moral, den phrasengesättigten Idealismus der Bessergestellten bleibt so nichts übrig als eitle Posen primitiver Schlägertypen. Faszinierend an Ostermeiers eingreifender Umdeutung ist, wie die sozial Ausgeschlossenen die Hierarchie-Mechanismen gerade der Gesellschaft, die keine Verwendung für sie hat, fortführen und in körperliche Gewalt übersetzen. Aus der Soldatenwelt Büchners ist die detailscharfe Skizze dessen geworden, was Enzensberger den „molekularen Bürgerkrieg“ nennt. Kein schöner Anblick.

Ostermeier – und das ist die eigentliche Qualität dieser anstrengenden Inszenierung – macht aus der Elendsbesichtigung keinen Sozialkitsch, keinen reißerisch naturalistischen Asozialen-Trash à la „Shoppen und Ficken“. Der gemalte Rundhorizont und die wie ein artifizielles Ballett inszenierten Schlägereien, die fremd gelassene Kunstsprache Büchners und die Tanznummern (zu „TNT“ von AC/DC!) betonen die völlige Künstlichkeit. Ostermeier hat ein trauriges, berührendes Requiem inszeniert, das auch, frei nach dem überall durchschimmernden Vorbild von Alain Platels legendärem Bach-Abend, „Iets op Büchner“ heißen könnte.

Wieder am 22., 23., 27. und 28. Mai sowie am 2. und 3. Juni.

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