Kultur : Endstation Sehnsucht

PETER BECKER

Das Altersheim ist hier der Schauplatz und ein Hexenhaus.Es spukt, doch gar nicht überirdisch, sondern sehr tief menschlich: also in den finalen Abgründen aller Existenz.Hier keimt am Rande der körperlichen und geistigen Verwesung die letzte Lust zu leben, und die Mordlust auch.Berta, Carla und Meggie heißen in dieser Anstalt die Pflegerinnen; sie sind als Saaltöchter und Heimmütter zugleich die (un)heimlichen Herrscherinnen über Leben und Tod.Theresia Walser, jüngste Tochter des Schriftstellers Martin Walser und mit 31 Jahren etwa so alt wie ihre Protagonistinnen, nennt dieses Trio "King Kongs Töchter".Es ist der Titel ihres dritten Stückes.

Theresia Walser haben die von "Theater heute" befragten Kritiker soeben zur "Nachwuchsdramatikerin des Jahres" gekürt - und mit "King Kongs Töchter", das zeigt die fulminante Uraufführung im Zürcher Neumarkttheater, ist der in Berlin lebenden Autorin und früheren Schauspielerin (gestern in Göttingen) über Etüden hinaus ein erster großer Wurf gelungen.Das komische Unglück war dabei von Anfang an ihr Metier."Kleine Zweifel", der Monolog einer aus dem Theaterkeller ausbrechenden Gesangswettbewerbskandidatin, seit letzter Woche auch in der Kreuzberger Dependance der Berliner Schaubühne zu sehen, und ihr zweites Stück "Restpaar", wiederum eine komödiantische, weibliche Vorsprechkatastrophe, bei der Pech und Zweifel wie ein zähnebleckendes Grinsgewölk am Bühnenhimmel stehen: beide Texte sind auch sehr sprachvirtuoses Theatertheater.Eine doppelte Introspektion.Jetzt aber schaut Theresia Walser hinaus in die Welt, und sie, die selber fast ein Jahr als Hilfspflegerin in einem Altenheim gearbeitet hat, weiß, wovon sie erzählt.

Dem Sterben entgegenleben in einem der Heime, in die der Tod heute aus der bürgerlichen Familie und dem städtischen Alltag immer häufiger delegiert wird, das ergibt keine heroische oder besonders tröstliche Geschichte.Aber Theresia Walser, der Zürcher Regisseur Volker Hesse und ein zehnköpfiges Ensemble, in dem auch siebzig- und achtzigjährige Darsteller wunderbar und gegenüber ihren eigenen Gebrechen auf eine dezente Weise schonungslos aufleben, schaffen das Kunststück einer im deutschsprachigen Theater so seltenen schwarzen Komödie.Wie ein Lear nach allen Tragödien und Apokalypsen tapert nacktfüßig in Badeschlappen, das Haar ein graues Vogelnest, der Schauspieler Felix Rellstab als Herr Nübel ("großes N und kleines Übel") durch das Spiel und will von seinen Heimschwestern und Heimbrüdern gerne wissen, wo sie mit ihren Fingern an sich selbst und an anderen noch hinkommen.Frau Greti hätte so manchen Pletifinger am liebsten an ihren unberührten "geheimen Gretistellen", dieses späte, nie gestillte Verlangen spielt Lisbeth Felder wie ein zart flackerndes Irrlicht, während Herr Pott (Michael Maassen, einst an Peter Steins Schaubühne) immer häufiger auf denselben muß und unter der altstenzigen Baseballkappe klagt, daß man ihm, dem Urinabhängigen, ausgerechnet "gelbe Vorhänge" ins Zimmer hängt.

Sie feiern den Geburtstag der fast verstummten Frau Tormann, der ihr Sohn zum Achtzigsten eine Tonkassette mit seinen Glückwünschen geschickt hat, und an die Handgelenke, die Schnabeltassen halten, haben Berta, Clara & Meggie ihnen lauter Luftballons gebunden.Bunte, windige Lebenszeichen: in einer Luft zum Sterben.Das Sakrale west hier tatsächlich neben dem Exkrementalen, doch über allem schweben die Götter Hollywoods.Die drei Pflegerinnen nämlich träumen, um ihren täglichen, schlecht bezahlten Ekel und den Stumpfsinn der Pißpottleerungsroutine zu überwinden, sie erträumen sich ein Heim alternder Filmstars, die sie aus ihren Sehnsüchten irgendwann auf die Endstation befördern.Frau Tormann, einer sehr dicken, nacktbeinigen, krampfadrigen Alten, malen sie in einer Nachtszene auf rotem Sperrmüllsofa eine Mae-West-Fratze ins Gesicht; dann läßt das Trio der diabolischen Diakonissen die hilflose Frau, ein leibhaftiges Gespenst, amüsiert in den Orkus fallen.

Die Szene wirkt schrecklich grotesk - und doch nicht denunziativ.So wenig wie es die schwarzen Witze sind, mit denen diese drei jungen Frauen, die ja statt "Knackeramme", "Seniorendompteuse" oder "Greisenputze" lieber "Hautärztin, Opernsängerin oder Stewardeß" wären, sich selbst am Überleben halten.Was sagt ein Kannibale zum Rollstuhlfahrer? "Essen auf Rädern." Sowas kommt bei dem Trio Katharina von Bock, Tatja Seibt und Lara Körte im Ton trockener, aggressiver Wehmut.Fatal vital.

Fast ohne Requisiten, in einer langgestreckten, gefängnisähnlichen Halle, gesäumt von Türen und Fenstern nach draußen, über den Dächern der Zürcher Altstadt, hat das kleine Neumarkttheater mit dieser Inszenierung den großen deutschen Häusern einmal mehr eine Lektion erteilt.Es müssen nicht die (oft spekulativen, oft literarisch zweitklassigen) englischen Motz-Farcen sein.

Und wenn nebenan das Zürcher Schauspielhaus zur Saisoneröffnung "Kabale und Liebe" spielt, in einer rhetorisch rasanten, artifiziell durchchoreographierten Inszenierung von Benjamin Korn und Domenique Valentin, dann sehen dort die jungen begabten Debütanten Johann von Bülow und Susanne Gärtner als Ferdinand und Luise gegenüber den zeitgenössischen King-Kong-Töchtern plötzlich sehr alt aus.Unterhalb der Genieschwelle - nicht Schillers und Shakespeares, aber der einer heutigen Inszenierung - braucht das Theater vor allen ewigen Klassikern jetzt Stoffe und Stücke aus der eigenen Zeit.So abgründig, so witzig und durchaus poetisch wie Theresia Walsers jüngstes Alters-Drama.

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