Kultur : Endstation Wanne

ANDREAS KRIEGER

Sprechtheater und Pantomime unterscheidet vor allem eines: beim einen wird geredet, beim anderen nicht.Wo aber liegen die Grenzen? John von Düffels neues Stück "Die Unbekannte mit dem Fön", das am vergangenen Wochenende erst in Magdeburg seine Uraufführung, einen Tag später seine Berliner Erstaufführung erlebte, ist weder Sprechtheater noch Pantomime und doch beides.Ein Werk der Widersprüche.Ein Theaterstück ohne Dialoge, bei dem aber ständig geredet wird.Und - in der Berliner Inszenierung, die das Sfinx-Theater im Hochzeitssaal der Sophiensäle präsentiert - eine Pantomime, bei der fast jeder Schritt kommentiert, aber nicht miteinander gesprochen wird.

Düffels Stück besteht ausschließlich aus Regieanweisungen.Normalerweise sind sie Randnotizen eines Autors, die das Lesen seines Dramentextes erleichtern oder - im Idealfall - etwas über die Figuren erzählen, was über die Dialoge hinausgeht.Für die eigentliche Handlung oft entbehrlich, werden sie vom Regietheater deshalb meistens ignoriert.Bei der "Unbekannten" sind die Regieanweisungen das eigentliche Ereignis.Düffel beschreibt mit ihnen nicht nur, was die Leute tun, sondern was sie fühlen, denken, wünschen - eine ganze Menge also.

Es gibt einen Erzähler, das Ich.Über seiner Schreibmaschine brütet er über Radikalität und deren Voraussetzung.Plötzlich bedrängt ihn eine Frau, die mit einem Fön in der Hand aus seiner Badewanne steigt.Sie - gerade frisch gestorben - fordert die Geschichte ihres Todes ein.Der Schriftsteller erfindet rückblickend ihre Liebesgeschichte, die sich aus Besitzstreitereien mit dem Freund zur tödlichen Beziehungstragödie steigert.

Der Ich-Erzähler, konzentriert und steif korrekt von Thomas Linz im dunkelblauen Anzug gespielt, läßt seine Gedanken fliegen, vergißt oft sogar diese niederzutippen.Seine Geschöpfe dagegen verselbständigen sich.Während der Autor den Kampf zwischen Mann und Frau beschreibt, machen sie harmlose Gymnastikübungen.Manchmal aber sind sie ihrem Autor auch voraus, degradieren ihn zum Protokollanten.Als Er Sie wirklich schlägt, wird es dem Ich zuviel.Er macht die Tür seiner Schreibstube zu.Sie geht mit dem Fön in die Wanne.Er gibt Saft.Sie stirbt.Kein Schrei, nur Rauschen.Während der Erzähler noch dem Mord entgegenschreibt, ist Sie schon lange tot.

Kein schönes Ende - Sie ist jedenfalls damit nicht zufrieden.Noch in der Wanne liegend droht Sie ihrem Schöpfer mit ihrer Fön-Pistole.Und Sie bekommt eine neue Geschichte, in die sich nun auch der Erzähler immer mehr einbezieht, schließlich bei einer leidenschaftlichen Café-Szene sogar dem Er die Sie ausspannt.Das Ich kann seine Geschichte nicht zu Ende bringen, weil es Teil einer anderen Geschichte wird.

Das Spiel zwischen Ich, Sie und Er ist reichlich verwirrend.Die Regisseurin Gundula Weimann frisiert die Vorlage mit Mut zu eigenen Pointen.Der Ich-Erzähler - so erfährt man langsam - ist eigentlich ein frisch vermählter Ehemann in der Hochzeitsnacht, der aber nicht mit der Angetrauten ins Bett will und deshalb die Geschichte ihres Mordes zusammenspinnt.Die Handlungen auf der Bühne sind also nur die Phantasien eines kindischen Jungvermählten.

Weimann gelingen wunderbar witzige, musikalische Szenen.Wenn der von Ekkehard Freye meist als Brutalo diabolisierte Er seiner Frau - Anne Osterloh zwischen Hexe und Himmelswesen - das Ohr ausreißt, gibt es statt eines Schmerzensschreis eine Opernarie.Mal trägt das Trio seine Regieanweisungen selber vor, mal kommen diese vom Band, und die Akteure sprechen sie - wie Synchronsprecher - mit.

Nicht jedes Rätsel wird gelöst.Genauso wie zwischen den Hoteltüren 302 und 307, vor denen das Stück spielt, vier Zimmer fehlen, fehlen auch im Drama erklärende Momente.Am Ende ist Sie jedenfalls wieder tot, diesmal: Selbstmord.Statt des Ich sitzt jetzt Er hinter der Schreibmaschine.Das Spiel steht - mit vertauschten Rollen - wieder am Anfang.Es gibt kein Entkommen aus der Endlosschleife.

Wieder vom 2.bis zum 9.März, 21 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben