Kultur : Endstation Westen

Skizzen der Selbstbehauptung: arabisches Theater beim Berliner „DisORIENTation“-Festival

Eberhard Spreng

Von Eberhard Spreng

Den Witz kennt man: „Kommt der Onkel aus Amerika und...“ Diesmal hat er eine ganze Armee mitgebracht: Nach den letzten Wochen im Irak hätte der junge ägyptische Theatermacher Ahmed El-Attar sein Stück „Life is beautiful or Waiting for my Uncle from America“ möglicherweise anders konzipiert. Nun aber, während des Gastspiels im Rahmen des Festivals „DisORIENTation“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt, rächt sich die Wirklichkeit grimmig und grinsend an der Kunst. Die Bilder von jubelnden Irakern, die die Leistung der Amerikaner feiern, gehen um die Welt – und El-Attar zeigt uns aus ägyptischer Sicht den ambivalenten Charakter dieser Verehrung.

Eine ägyptische Mittelstandsfamilie auf dem Westtrip: Der Vater verspricht ein Leben in Saus und Braus, vom Skifahren in den Schweizer Alpen bis zum Badeurlaub in Spanien, während der jüngste Sohn eine Levis-Jeans für 180 ägyptische Pfund (knapp 30 Euro) und ein Nokia-Handy einfordert, die bettlägerige Mutter nur noch Entschuldigungen stammelt und ihr erster Sohn, watend in einem Meer von Zeitungspapier, nach poetischen Sinnschnipseln sucht. Der 1969 geborene Regisseur führt verschiedene Arten der Sprachzerstörung vor, vom Bedürfnisgebrüll des jugendlichen Sohnes über die patriarchalische Logorrhöe des Vaters, der die Ordnung als Mutter aller Dinge einklagt, bis zum arabisch-amerikanischen Nonsens-Slang des fernen US-Onkels.

Wenn dessen Stimme aus dem Off ertönt, nehmen die Figuren Hab-Acht-Stellung ein. Man wartet auf seinen Besuch, aber man weiß nicht, ob er kommen wird. Ein Hauch „Warten auf Godot“, eine Prise Thomas Bernhard samt Sprachstudie nach musikalischer Art. Aufregend komisch, dies in der Darstellung des Ahmed Kamal und in fremdem Idiom zu erleben. Nur die Hausdienerin, die die kurze grotesk-sarkastische Aufführung mit ritualisierten Putzverrichtungen eröffnet und immer wieder mit Haushaltsgerät herbeieilt, spricht in schlichter Prosa von den schönen, verlorenen Dingen der Vergangenheit. Weil ihr die Sprache noch gehört, sind auch die Erinnerungen ihr eigen, während sich in der Manipulation der Medien, im vom Regierungsjargon verstellten Ausdruck der anderen ein unwiderruflicher Selbstverlust manifestiert.

Zwei Beobachtungen treiben Ahmed El-Attar um: der Verlust eigener kultureller, intellektueller Ressourcen sowie die Manipulation auch auf politischer Ebene: „Der israelisch-palästinensische Konflikt spielt in der arabischen Welt derzeit eine wichtige Rolle. Er wird benutzt wie die berühmte Karotte, die man dem Esel vor die Nase hält. Alle anderen schlimmen Katastrophen werden damit kaschiert. Ganze Milliarden verlassen derzeit Ägyptern, mitgenommen von Geschäftsleuten, deren Unternehmen pleite gegangen sind. Um die Aufmerksamkeit vom Kern unserer Lebensprobleme abzulenken, wird das israelisch-palästinensische Problem immer nach vorne geschoben und so zu Propagandazwecken missbraucht.“

El-Attar lebt in Paris und reist von dort in die arabische Welt. In Kairo unterstützen verschiedene ausländische Institutionen seine Theaterarbeit, vor allem seit seinem letzten großen Erfolg mit „Le Comité“. El-Attar ist Pionier einer unabhängigen Kulturarbeit in Ägypten, und damit ist er auch einer der Protagonisten jener kleinen Renaissance der kulturellen Selbstbehauptung, die jetzt zu beobachten ist. Eine Renaissance lange nach der goldenen Zeit des kulturellen Aufbruchs in der arabischen Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts und nach einer Periode des Untergangs, die in El-Attars Augen der Niederlage im SechstageKrieg von 1967 folgte. Es geht darum, den Schutt abzutragen, der nach dem Zerfall westlicher Trugbilder und der Zerstörung des Zusammenhalts innerhalb der traditionellen arabischen Gesellschaften entstand.

Während El-Attars Stück die problematische Wirkung von Konsumtrugbildern thematisiert, beschäftigt sich Abla Khourys Videoperformance „10/20 irrelevant“ mit Lebensträumen junger, in den USA lebender Libanesen; der Video-Performer Sherif ElAzma präsentiert eine „Egyptian Hostess – Soap Opera“ und untersucht die Wirkung westlicher Karrieremodelle im Leben einer jungen erfolgreichen Stewardess – all diese Stücke waren vergangenes Wochenende im Rahmen von „DisORIENTation“ zu sehen. Der libanesische Choreograf Omar Rajeh kam mit „Shutter Speed“ nach Berlin, er untersucht darin Bewegungsmuster des traditionellen ägyptischen Stock-Kampfs und mixt sie mit modernen Posen und Männlichkeitsritualen. Das Ergebnis ist ein halbstündiges Solo, eine Skizze eher als eine ausgeformte Arbeit. Aber auch das ein Versuch, Traumwelten zu entzaubern und ein Terrain zu bereiten, auf dem die arabische Gegenwartskultur Bilder für ihre eigene Wirklichkeit finden kann.

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