Kultur : Engagiert verweigert

BERNHARD SCHULZ

Günther, Fulton, Hutchinson: Zeitgenössische Kunst in DüsseldorfVON BERNHARD SCHULZDie goldenen Jahre der Düsseldorfer Kunsthalle als Brennpunkt zeitgenössicher Kunst sind vorüber, doch macht das Haus, das zwischenzeitlich schon zugunsten der Verlagerung in den zur Totalsanierung anstehenden Kunstpalast aufgegeben werden sollte, nach wie vor mit ambitionierten Ausstellungen auf sich aufmerksam.Zur Zeit gastiert das städtische Kunstmuseum mit einer Ausstellung des in New York lebenden Düsseldorfer Akademie-Absolventen Ingo Günther.Der Installationskünstler des Jahrgangs 1958 ist Preisträger der Stankowski-Stiftung, die "hervorragende Leistungen bei einer kreativen Verknüpfung von freier und angewandter Kunst würdigt".Das läßt aufhorchen, versteht sich Günther doch als politisch engagierter Künstler.In Düsseldorf präsentiert er zum einen 80 seiner bislang auf 240 Exemplare angewachsenen, thematischen Weltgloben unter dem Titel "World Processor", zum anderen sein neuestes Projekt "Refugee Republic." Die Globen machen die unterschiedlichsten Statistiken, beispielsweise über Staatsverschuldung, Mülltransporte oder Krisenherde anschaulich, indem einzelne Regionen farblich hervorgehoben oder aber schwarz ausgeblendet werden, untereinander maßstäbliche Pfeile darüber wandern oder Brennpunkte markiert werden.Die scheinbar so neutrale Abbildung der Erde in Form des Globus gewinnt dergestalt ungeahnte Brisanz.Zugleich sind Günthers Installationen ästhetisch ungemein ansprechend - das Geflecht der beschrifteten, frei im abgedunkelten Saal schwebenden und verbundenen Leuchtstäbe der "Refugee Republic" läßt sich auch ohne Zustimmung zu den weitausgreifenden politischen Thesen des Künstlers als Raumkunstwerk goutieren.Raum und Zeit spielen auch im Obergeschoß der Kunsthalle die Hauptrolle, wo der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen domiziliert.Derzeit sind die Wände mit riesigen Tafeln bedeckt, auf denen Schrift über karge Andeutungen grafischer Gestaltung dominiert.Der 52jährige Engländer Hamish Fulton verbringt einen Gutteil des Jahres auf Wanderungen, und zu den einheimischen Hügeln sind die Alpen, mittlerweile aber auch die Inseln Japans oder der Süden Argentiniens hinzugekommen.Hamish Fultin ist Künstler; doch weder greift er in die durchmessene Natur ein, noch bringt er von dort etwas mit.Er verändert nichts, findet nichts, schafft - kaum etwas, lediglich besagte Schriftafeln, die seine Wanderungen zu Protokoll geben."Eine 31tägige, 622-Meilen-Wanderung von der Nord-zur Südküste Spaniens, Ribadesella bis Malaga, Winter 1990" lautet ein typischer Text.Doch verweigern die Tafeln dem Besucher auch die geringste Andeutung von Naturerfahrung.Fultons kargen Tafeln gegenübergestellt sind die opulenten Fotocollagen Peter Hutchinsons.Der 1930 geborene Londoner schafft sich üppige Gärten aus der Addition von Farbaufnahmen einzelner Pflanzenstauden, denen er Gebirgs- oder Strandpanoramen hinterlegt.Die Collagen evozieren Augenlust und perfekte Illusion.Natur ist bei Hutchinson so postkartenbunt und so ortlos wie die Klischees, die der Natur entwöhnte Zeitgenossen von ihr bewahren und deren Erfüllung sie einfordern, mitnichten aber das Risiko der unverstellten Erfahrung, das Fulton wieder und wieder eingeht.Es sind konsequente Haltungen, die in Düsseldorf zu sehen sind, und die auf ihre jeweils eigene Weise den Eindruck erhärten, die gegenwärtige Kunst suche ebendies, ohne sich um herkömliche Gattungen zu scheren. Düsseldorf, Kunsthalle, Grabbeplatz 4beide Ausstellungen bis 10.Mai.Katalog Günther im Verlag Cantz, 35 DM; Katalog Fulton / Hutchinson 35 DM.

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