Kultur : Enge Fühlung mit dem Weltall

WILFRIED KNEES

Bekannt ist Feininger, der "Meister der Formlehre" am Bauhaus, als Architekturmaler.Aber zu entdecken ist nun in der Ausstellung der Berliner Neuen Nationalgalerie der Karikaturist und Mystiker Feininger.Die Muße und Atmosphäre der Aufenthalte an der Ostsee verhalfen ihm zum künstlerischen Durchbruch.In Baabe auf Mönchgut (Rügen) formuliert er im Sommer 1907 sein künstlerisches Manifest: "Auf das, was ich jetzt mühsam ablernte, will ich bauen und freier und selbständiger zu werden trachten ...Es muß potenzierter werden, zerpflückt und neugeschaffen.Mir schweben schon ganz andere Leucht- und Tonwerte - andere Übersetzungsmöglichkeiten als bisher vor -, aber es ist fast unmöglich, von der gewohnten Wirklichkeit abzugehen.Das Gesehene muß innerlich umgeformt und crystallisiert werden."

Von 1892 an besucht Feininger die Insel Rügen.Besonders die Halbinsel Mönchgut hat es ihm angetan.Die hügelige urtümliche Landschaft im Meer, die kleinen Dörfer mit ihren Rohrdachhäusern, das Ineinander der Elemente Wasser, Luft und Erde, der hohe Himmel, das Wolkenspiel, der Wind, das Gleiten der Segelschiffe faszinieren ihn - ebenso wie die charaktervollen alten Kirchen.An der Kirche von Middelhagen macht er sein Urerlebnis einer Dorfkirche (Kreidezeichnung, 1900).Von da an variiert er dieses Thema hundertfach in Ölgemälden, Zeichnungen, Aquarellen und Druckgrafiken.Seit 1906 sind es die thüringischen Dorfkirchen der Umgebung von Weimar - am häufigsten die Dorfkirche von Gelmeroda und seit 1908 die Kirchen von Benz und Zirchow auf Usedom.Die Kirchen mit ihren Türmen werden ihm zu Sinnbildern der Verbindung von Himmel und Erde.In einem Brief an Alfred Kubin schreibt er im Jahr 1913: "Es gibt Kirchtürme in gottverlassenen Nestern, die mir das Mystischste sind, was ich von den sogenannten Kulturmenschen kenne."

Wie eine Pfahlwurzel reckt sich der Kirchturm von Gelmeroda auf Feiningers Bildern in den Himmel; aus den Turmfenstern der Benzer Kirche breiten sich Lichtkegel wie bei einem Leuchtturm strahlenförmig nach allen Seiten über einem düsteren Gewoge prismenförmiger Schemen der Umgebung.Von 1908 bis 1913 nimmt Feininger im Sommer Quartier im mondänen Bad Heringsdorf.Es scheint, als habe der Hauch von Dekadenz, der über diesem luxuriösen Badebetrieb lag, nochmal den Karikaturisten in Feininger herausgelockt.Seine Studienjahre hat Feininger finanziert mit Karikaturen für deutsche und amerikanische Zeitungen und Zeitschriften.Doch auch bei den Motiven "Badende" und "Am Strande" ist deutlich die Entwicklung von der eher flüchtigen Groteske zum statuarisch-ruhenden Sinnbild zu erkennen.In die Länge gezogene Leiber, nackt, zumeist in Rückenansicht, gedeckelte kleine Köpfe, kein Gesicht, das Wasser schwarz, darüber auf horizontaler Linie kantige Silhouetten schemenhafter Segelboote - wie in einem Märchen steht alles verzaubert still, ein Bild der Melancholie.

Von Heringsdorf aus entdeckt Feininger das Hinterland.Noch relativ konventionell malt er 1910 Scheunen und Rohrdachhäuser in Neppermin - neun Jahre später ganz anders das fast abstrakte Bild "Dorf Neppermin".Im Rückblick auf seine früheren Dorfbilder schreibt er 1931 an seine Frau Julia: "Was habe ich für trostlose Dinger gemalt, als ich mich in Lobbe dahinter setzte, die Natur abzumalen!" Immer wieder beschäftigt er sich auch mit dem Motiv der Mühle, eine Mühle in Swinemünde hat ihn am meisten gefesselt.Es entstehen Zeichnungen, eine Radierung, ein großes Gemälde und ein meisterhafter Holzschnitt.Das Rotieren der Mühlenflügel setzt er in Beziehung zur himmlischen Lichtmühle, der Sonne, das Menschenwerk im Gegenüber zum kosmischen Geschehen.

Von 1924 bis zum Jahr seiner Emigration aus Deutschland verbringt Feininger jeden Sommer im Pommerschen Fischerdorf Deep."Das Meer ist schön und so verlassen und einsam, wie ich noch nie eins sah!" schreibt er von dort im ersten Jahr.Hier fand Feininger den endlos nach West und Ost gedehnten Strand, dahinter eine Dünenlandschaft und das Steilufer bei Hoff mit der Kirchenruine am Abgrund.Hier gewinnt er "enge Fühlung, draußen, mit dem Weltall der großen Formen, der großen Rhythmen, die allein mich - wie sonst nur Bach es tut - ganz auszufüllen vermögen".Es entstehen "andächtige, tiefreligiös empfundene Werke" wie "Stiller Tag am I-III", "Wolken überm Meer", "Die Regamündung", "Vogelwolke", "Dünen am Abend".

Von Deep aus unternimmt Feininger - wie zuvor von Heringsdorf - Exkursionen in die Umgebung.In Cammin inspiriert ihn der alte Dom, und mehr noch als die Städte Kolberg und Greifenhagen wird Treptow an der Rega für Feininger - wie zuerst Ribnitz - zum Inbegriff der mittelalterlichen Kleinstadt.Er malt den Grützturm (1928), das Rathaus (1930), und noch 1947 sind auf dem visionären Bild einer in Gold gehüllten abstrakten himmlischen Stadt der charakteristische Turm und das hohe Langhaus der Marienkirche von Treptow an der Rega klar zu erkennen.Das Bild hat den Titel "Vita Nova".

Bei einer Strandwanderung entdeckt Feininger 1928 die Ruine der gotischen Kirche von Hoff hoch oben am Rand einer heruntergebrochenen Steilküste.Von unten gesehen erscheinen ihm die gotischen Bögen so monumental wie bei einer großen Kathedrale.An einem Tag entstehen zwölf "Natur-Notizen", weitere bei erneuten Besuchen 1932 und 1934.Bis 1953 entwickeln sich daraus mehr als dreißig Aquarelle und drei Gemälde - neben vielen Zeichnungen.Anders als die Klosterruinen bei den romantischen Malern, erscheint Feiningers "Ruine am Meer" (1930) nicht als Symbol der Vergänglichkeit, sondern als ein Lichttransformator, der von Osten her einen hellen Schein empfängt und ihn vom westlichen Turm aus zur Orientierung nach allen Richtungen weitersendet.

Nicht zuletzt gehört zu Feiningers Werk das Motiv des Schiffes.Schon als Kind baute er mit Begeisterung Modelle alter Segelschiffe und Dampfer ebenso wie moderner Jachten.Diese Detailkenntnisse spiegeln sich in den Gemälden wieder, aber nie zum Selbstzweck.Das Schiff wird zum Symbol der Lebensreise, des Getragenwerdens über die Abgründe des Lebens.So entsteht das Gemälde "Schwarze Welle" 1937, ein Jahr vor seinem endgültigen Abschied aus Deutschland, ein Ausdruck seines Horrors vor den Nationalsozialisten, die seine Kunst als "entartet" brandmarken und seine jüdische Frau bedrohen.Eines seiner letzten Bilder, "Barque at Sea" von 1953, zeigt seine Auseinandersetzung mit dem Sterben.Es wird zu den Erinnerungsbildern an die Ostsee gerechnet.Denn auch in Manhattan bleiben in ihm die Erfahrungen von den Sommern an der Ostsee lebendig.Zu Silvester 1948 schreibt er an Gerhard Marcks: "Es wird Dich vielleicht interessieren, daß ich fast ausschließlich Ostseebilder male!"

Lyonel Feininger ist der Maler der Ostseeküste im 20.Jahrhundert, der alten Dörfer und kleinen Städte mit ihren beeindruckenden Kirchen und mittelalterlichen Türmen, ein Land des Lichtes und der Weite, der Stille und der Nähe zu den Elementen.Hier hat er zu seiner Religion gefunden, der innerlichen Umformung alles Gesehenen in der Ahnung einer geistigen Welt.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, bis 11.Oktober; Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Sonnabend und Sonntag 11-18 Uhr.Katalog 49 DM.

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