Kultur : Engel brauchen keine Flügel

Traumland Australien: Cees Nooteboom erforscht in „Paradies verloren“ seltsam menschliche Fantasiewesen

Jan Schulz-Ojala

Zauberhaftes Buch. Immer wieder aber: grobschlächtiges Buch. Bildungshuberisches Buch. Immer wieder auch: langatmiges Buch (dabei ist die zum Roman geadelte Erzählung eher ein Büchlein). Und äußerst zaubertraumhaftes Buch denn doch, zumindest in seinem Anfang und Ende, an sanft geölten Scharnierstellen: Wenn der furiose und zugleich im Ton ungeheuer entspannte Prolog ins zunächst schwerelose Erzählen hinübertreibt – und dann im konzentrierten Gleitflug vor allerdings wieder fast zu lässig elegantem Epilog. Mit anderen Worten: „Paradies verloren“, das neue Werk des überaus geschätzten Cees Nooteboom, eignet sich, weil arg ambivalent, durchaus zum freundlichen Verriss. Wenn dieser Nooteboom, der Zwölfmalkluge, einem nicht sogar dabei munter dazwischenfunkte.

Wir sind auf Seite 89, es spricht Erik Zondag, ein vor lauter Verrisseschreiberei grundübellaunig gewordener Literaturkritiker. „Manche Schriftsteller wurden unangenehm alt, mit der Zeit kannte man alle ihre Obsessionen und Manierismen, es wurde zu wenig gestorben in der niederländischen Literatur“, räsoniert der dicke Endvierziger und malt sich nebenbei die Pein einer bevorstehenden Abspeckkur in den Innsbrucker Alpen aus. „Reve, Mulisch, Claus, Wolkers, Nooteboom, die hatten schon geschrieben, als er noch in den Windeln lag, und wie’s aussah, dachten sie keineswegs daran, das Schreiben einzustellen, seiner Meinung nach nahmen sie die Idee ihrer Unsterblichkeit etwas zu wörtlich.“

Soviel Chuzpe: Was will man da machen? Zuerst mal die Chuzpe loben. Nur Meister können sich soviel Chuzpe leisten. Altmeister zumal (Nooteboom ist gestern 72 geworden). Am ehesten noch die abwechslungshalber schnoddrig-jung formulierenden Altgroßmeister. Großartige Bildungshuber eben wie Nooteboom, die auch die (selbst-)ironischen Volten draufhaben.

Erik Zondag also stürzt in die hohe Mitte dieses Buchs wie in einen etwas lang geratenen Dia-Vortrag, es geht um Engel (in John Miltons Versepos „Paradise Lost“ sowie bei Botticelli, Giotto di Bondone u.v.a.m.), es geht aber auch, noch elaborierter, um die australischen Aborigines, ihre Riten und Mythen, ihre Blitzmänner und Regenbogenschlangen, ihre Traumpfade, ihre überwiegend sich im Wüstensande verlaufende Kunstgeschichte. Vor lauter Verliebtsein in die eigene Hochgelahrtheit verliert der Autor (und erfahrene Reiseschriftsteller) dabei seine brasilianischen, deutschstämmigen Heldinnen, die Kunsthistorikerinnen Almut und Alma, fast aus den Augen: Was treibt die beiden jungen Frauen eigentlich zur großen, Monate dauernde Reise in ihr Traumland aus Mädchenzeiten, Australien? Gut, da ist Almas Vergewaltigung in einer Favela Sao Paulos – aber schon ein paar Seiten weiter wirkt das monströse Ereignis nur mehr wie ein schnell skizziertes, schnell verwischtes Alibi für die mitunter sehr abstrakt-spirituell sich entpuppende Entwicklungsreise.

Da tut einer wie Zondag erst mal gut. Und eine zunächst eher ruppig erzählte Geschichte fängt an. Auch Erik Zondag reist als gelangweilter Teilnehmer eines Literaturfestivals nach Australien – im Innern aber ein Suchender, von seiner bodenständigen Journalistenfreundin Anja nur so geerdet, wie die sensible Alma (portugiesisch: Seele) immer wieder von der robusten Almut geerdet wird. Brauchen die etwas luftiger veranlagten Menschen also grundsätzlich ein irdischschweres Pendant, um sich nicht ganz in Flügelwesen zu verwandeln? Cees Nooteboom spielt seinen beiläufig schönsten Gedanken mehrfach an und löst ihn doch stereotyp bewusst roh: Er riskiert das dialogische Gequatsche – um den Preis, nicht nur seine (Neben-)Figuren zu denunzieren.

Das wären so an den Rand geredete Sachen, Störungserlebnisse bei der Lektüre. Aber dann! Die zwei zunächst separat ausgebreiteten australischen Geschichten, die eine aus Brasilien, die andere aus Amsterdam kommend, treffen im Südwesten des Kontinents zusammen, um sich noch einmal im nördlichen Alpenraum zu vereinen. Und auf einmal reisen wir mühelos mit: Alles hebt, für zwanzig, dreißig Seiten, wunderbar ab. Eine Liebe beginnt – oder ist es nur ein Gebanntsein für eine Nacht – am Rande einer zauberischen Engelssucher-Veranstaltung in Perth und verläuft sich in einem großartig minimalistischen Epilog vor dem Epilog. Moral: Es gibt kein Paradies auf Erden (das wussten wir zwar schon, aber Nooteboom sagt es unwiderstehlich nooteboomsch). Und: Es ist gut, dass wir Menschen keine Engel sind. Sonst könnten wir nicht mehr vom Fliegen träumen, und von allem anderen (auch das wussten wir, aber vergessen es immer wieder).

Ein Verriss also wird das nun doch nicht, aber auch keine Hymne. Ein so ungleiches Buch: Man antwortet am besten ungleich darauf. Und man endet mit einem Zitat, dem alten Trick, den auch der zwölfmalschlauere Nooteboom sich zum Schluss hin – natürlich wieder selbstironisch – zum Vorwurf macht. Nehmen wir Seite 44, zur Abwechslung etwas Ernstes, fast Feierliches, Alma sagt es, Alma, die eine Woche lang mit einem Aborigine-Maler abhaut von Almut und dem ganzen kunstgeschichtlichen Überwohlsein und nichts weiter macht als Lieben und Lieben und Lieben: „Selbst wenn es noch so kurz ist“, sagt sie, „ich habe mit diesem Mann meinen Schatten eingeholt, und das ist gut.“

Cees Nooteboom: Paradies verloren. Roman. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005. 156 S., 16,80 €.

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