Kultur : Engel fallen

Liebeserklärung an eine Stadt: „Angel-A“

Christina Tilmann

Berlin? Los Angeles? Nein, Paris ist die Stadt der Engel. So viele Flügelwesen, auf Brücken, in Kirchen, in Museen. Da muss eine Frau nur an so einem Himmelswesen vorbeigehen, und schon hat sie selber Flügel. Für Typen wie André haben alle Frauen Flügel: So unerreichbar fern sind sie für ihn, den kleinen Wicht auf Erden.

Zwei Gefallene. Eine ist vom Himmel gefallen, der andere in die Gosse. Angela, unglaublich groß, unglaublich blond, unglaubliche Beine, kurzer Rock, ein Engel auf Erden. Manchmal liegt Flügel-Flaum auf ihrem Rücken. André, unglaublich klein, unglaublich geschwätzig, unglaublich schmierig, ein Ganove, dem der letzte Coup geplatzt ist. Jetzt stehen sie auf der Brücke, bereit zum letzten Sprung.

Nach siebenjähriger Drehpause, nach dem Debakel mit der Mammutproduktion „Jeanne d’Arc“, hat Luc Besson einen Märchenfilm gedreht. Ein Männerfantasie-Frauentraum-Märchen vom Engel, der einen verlorenen Mann retten möchte – und sich in ihn verliebt. So leicht ist es, „Angel-A“ niederzumachen, dieses Glaubensbekenntnis an Liebe und Herz und dass man weich werden muss innen und die Wahrheit sagen, und dann wird alles gut. Die französische Kritik hat den Film verrissen, bis nichts mehr übrig blieb. Zu stereotyp die Welten: hier die harte Realität der Pariser Banlieue mit den messerfuchtelnden Kleingangstern und ihrer Slang-Sprache, dort die Welt der Cover-Models und diese Engel-Frau, die einen Hauch von Werbeästhetik mitbringt (die Dänin Rie Rasmussen ist Topmodel für Gucci). Aber über genau diesen Zusammenprall funktioniert der Film.

Das Paar ist so grotesk wie perfekt: Rasmussen ist ein Traum wie Anita Ekberg in „La Dolce Vita“ oder ein Albtraum wie Mira Sorvino in Woody Allens „Mighty Aphrodite“. Von Allen steckt viel in diesem Film: die Figur des dauernervösen André zum Beispiel, den der einarmige französisch-marokkanische Komiker Jamel Debbouze mit Charme und einer rührenden Verletzlichkeit spielt, ist Allen pur: die Selbstlüge, die Selbstanalyse, und diese hoffnungslose, unbedingte Bewunderung für die großen, schönen Frauen. So wie Allen „Manhattan“, seine Liebeserklärung an New York, in leuchtendem Schwarzweiß gedreht hat, lebt auch Bessons schwarzweiße Liebeserklärung an Paris vom leuchtenden Licht der frühen Morgenstunden.

Morgens um vier ist die Welt noch in Ordnung, selbst an Touristenorten wie Notre Dame, dem Eiffelturm und der Pont Alexandre III. Dann möchte man über die Brücke tanzen wie Juliette Binoche und Denis Lavant in Leos Carax’ „Die Liebenden von Pont-Neuf“ oder auf einem Bateau Mouche stehen wie Julie Delpy und Ethan Hawke im Robert Linklaters „Before Sunset“. Beides tun auch Rasmussen und Debbouze. Es lohnt sich, für Paris früh aufzustehen. Christina Tilmann

Cinema Paris (OmU), Cinemaxx Potsdamer Platz, Kulturbrauerei, Kant, Yorck

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