Kultur : Engel und Höllenhunde

Der Schriftsteller Fritz Rudolf Fries unternimmt eine wilde Reise mit „Hesekiels Maschine“

Steffen Richter

„Wir stehen“, resümiert Dr. Alexander Retard am Ende, „nachdem alle Rezepte zur Emanzipation des Menschen aufgebraucht sind, vor dem völligen Nirwana…“ Es klingt, als spräche Bitterkeit aus den Worten des Aufklärungsforschers und Alter Egos seines literarischen Erfinders Fritz Rudolf Fries. Doch könnte auch gemeint sein: Alles ist wieder möglich. Und ein Roman, würde Fries hinzufügen, wäre das ideale Vehikel für eine Reise zu diesem Nullpunkt. In „Hesekiels Maschine“ kann man diese Reise unternehmen. Man schwingt sich mit ihr in jene literarischen Höhen, in denen schon Fries´ Bücher „Der Weg nach Oobliadooh“ oder „Alexanders neue Welten“ angesiedelt waren. Hier ist er wieder, der begnadete Fabulierer, der witzelnde Gelehrte und Duzfreund von zwei Jahrtausenden Literaturgeschichte.

Hier sind sie, die Handlungsbögen voller absonderlicher Volten, gespickt mit stilistischen Kabinettstückchen und prall gefüllt mit weit reichenden Botschaften, die auf ihre Entschlüsselung warten.

Wäre Fries, 1935 in Bilbao geboren, in seinen deutschen demokratischen Jahren nicht der Versuchung erlegen, mit dem Teufel in Gestalt der Staatssicherheit zu frühstücken – sein Roman würde vermutlich in einem Verlag erscheinen, der seiner literarischen Qualität angemessen ist. Der Protagonist dieses erzählerischen Feuerwerks heißt Daniel Abesser. Daniel, wie sein biblischer Namensvetter in der Löwengrube. Wie jener Prophet, dem der Herr „Verstand in allen Gesichten und Träumen“ gegeben hat, um des „Herzens Gedanken“ zu lesen. Abesser ist aber auch Sohn eines ostdeutschen Ministers. Nach 1989 flüchtet er aus jenem Kulturkreis, „der auf Lüge, Verrat und Betrug aufgebaut war“. Falsche Papiere machen ihn zum israelischen Staatsbürger. Nun zählt er als Kriegsberichterstatter an allen Brandherden der Welt zu den Starjournalisten seines Landes.

Dieser Daniel Abesser wird ohne sein Wissen zum Gegenstand eines Experiments, das den menschheitsgeschichtlichen Heilsplan noch einmal aufrollt. Es geht um nichts Geringeres als die Frage: „Wie findet der Mensch zurück in Gottes Schöpfung, nicht als Verdammter oder Anbeter, sondern als ein Teilhaber an der göttlichen Gewalt.“ Das Projekt beginnt Ende 1999 auf einem El Al-Flug von Panama City nach Tel Aviv. An Bord befinden sich neben Abesser und seiner geliebten Frau, der Nachrichtensprecherin Ribka, auch drei Mitarbeiter des Mossad. Bei den Islas Canarias, zu Deutsch: den Hundsinseln, verwandeln diese sich in Engel und bringen die Maschine über El Hierro zum Absturz. Dort aber öffnet sich der Eingang zur Unterwelt. Und während Abesser nur der Verbleib seiner Frau interessiert, wird er in ein Dantesches Purgatorium geführt. Dieses entpuppt sich als das berüchtigte Moskauer Hotel „Lux“. Der Ort, an dem deutsche Emigranten in den Dreißigerjahren Stalins Mordwahn zum Opfer fielen.

Doch damit nicht genug. Die Engel werden Abesser in diversen Verwandlungen zum dreigeteilten Vergil. Itzhak Springer, Spaßmacher und Spottdrossel, gibt den kommunistischen Renegaten Arthur Koestler. Der führt ihm – in Gestalt seiner eigenen Figur Rubaschow aus „Sonnenfinsternis“ – die Fallstricke des Stalinismus vor. Abesser erweist sich als immun gegen jede Ideologie. Springers englischer Kollege Aaron Spitzer verwandelt sich in den Komponisten Heinrich Schütz. Doch das Schreckensgemälde des Dreißigjährigen Krieges, das Schütz ihm zeichnet, kann einen Kriegsberichterstatter der Gegenwart schwerlich beeindrucken. Uri Lilienthal schließlich, der dritte der Dienstengel, fungiert als Filmregisseur, der in fiktiven Szenen die „Hölle der Frauen“ inszeniert. Abesser aber sucht in jedem Weibe nur seine Ribka. Der Mann, so stellt sich am Ende heraus, ist dem Diesseits derart zugewandt, dass er für keinerlei himmlische Mission in Frage kommt.

Denn das war der Plan: Dem alttestamentarischen Propheten Hesekiel hatte Gott eine wunderliche Vision geschenkt. Ihm erschien ein Gebilde aus Löwe, Adler und Ochse, mit Flügeln und Rädern ausgestattet. Unter den Tieren aber befand sich auch ein Mensch, den Gott als Mittler mit einem Brief zur Erde schickte. Irgendetwas muss bei der Verkündigung der göttlichen Botschaft schief gelaufen sein. Das Paradies jedenfalls lässt auf sich warten. Und es ist an der Zeit, den Kontakt zu erneuern. Gesucht wird einer, der den Menschen aus Hesekiels Maschine ersetzt, um nun dem Herrn eine Botschaft zukommen zu lassen. Dieser Mensch könnte Abesser sein. Doch als die finale Gerichtsverhandlung im „Lux“ ihn vor die Wahl stellt, im Paradies zu bleiben, Botschafter des neuen Menschen zu werden oder das Los der Erdlinge zu teilen, kehrt er mit fliegenden Fahnen in sein Leben und zu seiner Frau zurück.

Geklärt ist damit nichts. Soll das bedeuten, dass das Gelobte Land verschlossen bleibt? Dass man, wie Abesser in der Wüste, immer nur auf „krummen Wegen“ läuft, „die den Hoffenden in die Irre führen“? Ganz wie der Roman selbst? In ihm liegen antike Fährmänner und Höllenhunde mit den Abgesandten des christlichen Gottes im Streit. Seine polyglotten Erzähler – mehr als ein halbes Dutzend – verstecken hier ein Diderot-Zitat, da eine Anspielung auf Jean Paul. Sogar ein apokryphes Evangelium nach Judas Iskariot bekommt man zu lesen. Abessers Vater wandelt sich vom Parteikader zum Zeugen Jehovas, weil er der Idee der Erlösung nicht abschwören mag. Und im Paradies wird Jazz gespielt wie in Fries´ Erstling „Oobliadooh“. Ein grandioses, metaphysisch aufgeladenes Spektakel, welches das 20. Jahrhundert mit seinen ideologischen Zwängen und ihren Spiegelungen im Privaten besichtigt.

Fritz Rudolf Fries: Hesekiels Maschine oder Gesang der Engel am Magnetberg. Roman. Das Neue Berlin, Berlin 2004. 319 Seiten, 19,90 €.

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