Kultur : Engelsflügel und Kreuzesnägel

Jörg Königsdorf

zieht neue Saiten auf Über Händel, Bach und Mozart kann er so geistreich und witzig reden wie kaum ein anderer Musiker – aber wenn es um die „Rosenkranzsonaten“ des Heinrich Ignaz Franz Biber geht, versteht Andrew Manze keinen Spaß. Immer wieder hat der britische Geiger und Dirigent gegen die Fehlinterpretationen dieses grandiosen Zyklus gewettert, und wer ihn aus der Reserve locken will, braucht nur zu behaupten, Biber habe hier lautmalerisch die Leidensgeschichte Jesu illustriert und Details wie das Flügelschlagen der Engel und das Einhämmern der Kreuzesnägel auskomponiert. Alles Kappes! behauptet Manze: Die Violinsonaten seien kein Soundtrack zu einem Jesus-Film, sondern hochspirituelle Musik. Mit seiner Einspielung (harmonia mundi) hat Manze ein faszinierendes Plädoyer für seine vergeistigte, aber trotzdem springlebendige Sichtweise abgeliefert.

Auch die beiden Konzerte, die ihm die Berliner Festspiele beim neuen Musikfest einräumen, nutzt Manze zur Propagierung seines Leib- und Magenkomponisten: Die Programmsäulen am Freitag, den 2. und Mittwoch, den 7. September im Kammermusiksaal bilden jeweils drei der „Rosenkranzsonaten“, von der „Verkündigung“ bis zur „Auferstehung“. Gekoppelt werden sie jedoch nicht mit handelsüblicher barocker Meterware, sondern mit essenziellen Violinwerken des 20. Jahrhunderts und sogar einer Kurtág-Uraufführung. Dieser Konfrontationskurs ist natürlich auch eine deutliche Absage an stilistisches Spezialistentum. Bei einem guten Musiker, sagt Manze, sind immer 70 Prozent Instinkt. Und damit hat er vermutlich sogar Recht.

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